Mit welcher Identität leben wir? Was steht in unserem höheren Personalausweis? Man stelle sich vor: Es sind darauf zwei Möglichkeiten vorgegeben, die man ankreuzen kann. Die erste Möglichkeit besteht darin, dass wir in uns ein Liebesbild errichtet haben und merken, dass wir diesem Bild nicht entsprechen. Dass wir also an dieser Unerfülltheit leiden. Die erste Möglichkeit heißt also: Ich bin ein unbefriedigter Mensch. Ich leide. Wer hilft mir, bitte?!

In diesem Fall identifiziert sich der Mensch mit der Unerfülltheit in der Liebe. Man kreuzt also diese Identität an: die des unerfüllten Menschen.

Die zweite Möglichkeit ist sehr verwandt mit der ersten und doch ganz anders. Sie heißt: Ich bin ein Friedensarbeiter. Ich weiß, dass ich in einer unerfüllten Welt lebe. Aber ich weiß auch immer mehr, wie wir zusammen zur Erfüllung kommen können. Deshalb bin ich Friedensarbeiter geworden.

Meine Identität besteht darin, mitzuhelfen, dass auf diesem Planeten menschliche Verhältnisse entstehen, unter denen meine persönliche Liebessehnsucht und die aller anderen verwirklicht werden kann. Ich arbeite für die Einleitung einer Entwicklung auf der Erde, die es ermöglicht, dass niemand mehr vor der Liebe davon laufen muss. Das ist die zweite Identität: Ich bin ein Friedensarbeiter.

Wohin wollen wir das Kreuz machen? Es gibt einen Punkt, wo diese beiden Möglichkeiten sich berühren und doch so verschieden sind, dass sie eine Entscheidung verlangen. Bin ich in der Lage, auch in der Situation höchster Unerfülltheit Friedensarbeiter zu sein? Dann kreuze ich meine Identität als Friedensarbeiter an. Oder verschluckt mich diese momentane Unerfülltheit so sehr, dass ich nur noch Frustration fühle, Enttäuschung, Ärger, Scham, Ausweglosigkeit? Wie Millionen von Menschen heute. Dann kreuze ich die erste Identität an.

Friedensarbeiter sind Menschen, die politisch in die Welt schauen. Politisch heißt, zu verstehen, dass für die Erfüllung der Liebe bestimmte gesellschaftliche, ökologische, politische Voraussetzungen notwendig sind. Friedensarbeiter wissen, dass es um das Ziel der Liebe geht. Und dass wir, um dieses Ziel zu erreichen, in der Welt bestimmte Dinge verändern müssen, damit das möglich wird. Menschen, die nur die Liebe wollen, aber nicht Friedensarbeiter sind, meinen, die Liebe hier und jetzt erfüllt kriegen zu müssen. Sonst verzweifeln sie an sich selbst, werden wütend auf den Partner und vermehren den Krieg auf der Erde. Sie wollen das nicht, aber sie tun es. Ohne es zu wissen. Weil sie nicht wissen, dass die Erfüllung dieser Liebe eine Arbeit in der Welt erfordert und nicht nur persönliche Therapie. Das ist Arbeit an den Grundvoraussetztungen, unter denen wir hier auf der Erde leben. Diese Grundvoraussetztungen wurden in einer fünftausendjährigen patriachalen Epoche falsch gelebt. Und es ist ein sehr unwissender Zustand, wenn jemand sagt: Ich will aber trotzdem, hier und jetzt oder spätestens innerhalb der nächsten zwei Jahre mein volles Liebesglück erleben.

Wer die erste Möglichkeit angekreuzt hat, wird nach diesen zwei Jahren anfangen zu resignieren.

Wer aber heute das Ziel der Liebe, das Ziel der Sehnsucht kennt und ihm treu bleibt, findet heraus, was zu tun ist, damit es in Erfüllung geht. Nie kann Liebe nur für mich in Erfüllung gehen, wenn draußen um mich herum ein Krieg wütet wie in unserer Zeit. Liebe verlangt die Wiedervereinigung zwischen Mensch und Schöpfung, Mensch und Erde, Mensch und aller Kreatur. Ökologie, im richtigen Sinn verstanden, ist ein Dienst an der Liebe. Auch Technologie und die Arbeit mit Energie, im richtigen Sinn verstanden, ist ein Dienst an der Liebe.

Friedensarbeiter sind Menschen, die wissen, dass die Menschheit Tausende von Jahren hindurch einen falschen Umgang mit diesen Energien betrieben hat. Und dass wir heute eine Transformation brauchen, damit wir die uns zur Verfügung stehenden Energien in Richtung Liebe koordinieren können. Wenn es gelingt, dass wir die Arbeit in den vielen verschiedenen Bereichen – in der Kunst, in der Technologie, in der Architektur, in der Politik – gleichgerichtet auf dieses eine große Ziel der Liebe lenken, dann haben wir ein Heilungsbiotop. Dann helfen alle Mitbewohner mit: die Kröten, die Frösche, die Ratten, alles was da kreucht und fleucht.

Manche Menschen vergessen jeden Gedanken an die Liebe, wenn sie etwas Wissenschaftliches hören. Ich habe Appell an alle: Ehrt die Wissenschaft. Wir brauchen Wissenschaft. Nicht die Wissenschaft, die man mühsam aus Büchern studiert, um hinterher bei irgendeiner Prüfung dann abgefragt zu werden. Gemeint ist eine Art von systematischen Denken, wo wir wieder verstehen lernen können, dass der Widerspruch zwischen dem Ziel der Liebessehnsucht und der Wirklichkeit auflösbar ist, wenn man bestimmte Schritte unternimmt. Die müssen unternommen werden, für uns und für die Erde.

Ein Friedensarbeiter ist ein Mensch, der es lernt, diese Schritte zu unternehmen. Und dafür geht er in die Ausbildung. Dafür gibt es den Politischen Ashram in Tamera. Natürlich in der Hoffnung, dass nach und nach mehrere von solchen Friedensschulen auf unserem Planeten entstehen.

Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen in das bestehende System integriert werden, indem man ihnen sagt: Mach doch alles hier und jetzt. Das ist dein einziges Problem, dass du es nicht kannst, im hier und jetzt.

Auf diesem Wege versucht der Teufel, die Menschen noch einmal in ein globales System der Vernichtung zu integrieren. Man sagt ihnen: „Kümmert euch nicht um das, was in an anderen Orten passiert. Hier und jetzt ist eure Erlösung.“

Das ist Jahrmarkt- Esoterik oder Jahrmarkt-Therapie: Man will die Menschen ganz kurz heilen, so dass sie einfach wieder ihr Leben führen können und möglichst keine Friedensarbeiter werden. Schon gar keine Revolutionäre.

Nach meinem Gefühl ist die Welt viel zu schön, um sich auf solche billigen Versuche einzulassen.

Die Sonne, die jeden Morgen aufgeht, ist viel zu gewaltig und zu groß, als das ich hier und jetzt und heute meine totale Liebeserfüllung finden müsste. Bei Sehnsucht geht es nicht um Sentimentalität. Die Sehnsucht ist die revolutionäre Kraft meiner Zellen. Und die ist viel zu groß, als das sie sich beschwichtigen ließe durch irgendein therapeutisches Versprechen.

Friedensarbeiter sind dabei, die Voraussetzungen vorzubereiten, damit Liebe möglich wird: Die Liebe zwischen zwei Menschen, aber auch die Liebe zwischen Mensch und Tier, zwischen den Völkern, zwischen Mensch und Natur, Mensch und Schöpfung, Mensch und Gott.

Wenn ich die erste Möglichkeit angekreuzt habe, dann bewege ich mich in einer Identität, die immer davon abhängig ist, ob gerade Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Sind sie erfüllt, dann geht’s mir gut, sind sie nicht erfüllt, dann geht es mir schlecht. Mit dieser Identität komme ich durch die Welt, wie sie heute ist, nicht mehr durch. Und wenn es noch so hochtrabend klingt: Wir brauchen einen Identitätswechsel. Das ist der Vorgang der Transformation: Vom unbefriedigten Individuum hin zum Friedensarbeiter.

Ein Friedensarbeiter ist immer unbefriedigt. Aber das ist für ihn ein so banaler Käse, dass er darüber nicht spricht. Denn das hat der Friedensarbeiter ja mit der ganzen Menschheit gemeinsam.

Was ihn unterscheidet, ist, dass er die Gründe dieser Unerfülltheit kennt, dass er sich seiner persönlichen Unbefriedigtheit nicht mehr schämt und dass er bei dieser ganzen Unerfülltheit seines Lebens eine Linie und einen Ankerpunkt gefunden hat, der ihn trägt. So dass die Frage, ob er gerade erfüllt oder unerfüllt ist, langsam wie Regentropfen an seiner Haut herunterperlen.

Die andere Identität kann man üben. Gemeinschaften der Zukunft brauchen Freiräume oder Auszeiten, wo die Beteiligten das üben. Mit genügend Zeit, um nicht nach den persönlichen Bedürfnissen zu fragen, sie aber auch nicht zu ignorieren. Ja nicht ignorieren! Ja nicht lügen! Sondern nur wissen, dass das die Bedürfnisse von allen sind. Die Schwierigkeiten, an denen ich ganz persönlich leide, sind die Schwierigkeiten von allen. Jeder hat aus diesem riesigen Kuchen von Schwierigkeiten sein Tortenstück abgekriegt. Und das darf er lösen für alle.

Das ist eine Veränderung in der Drehrichtung zur Erkenntnis, dass ich ein Teil des Ganzen bin und dass ich beschließe, von jetzt an diesem Ganzen zu dienen. Und in diesem Dienst liegt meine Erfüllung. Denn wenn ich damit anfange, erhalte ich große Schätze von Liebe, von Zuwendung, von Vertrauen. Denn die Welt begrüßt diese Entscheidung – selbst wenn sie mich dann äußerlich noch bekämpfen.