Defend the Sacred

Eine Buchrezension von Ronald Engert – veröffentlicht in der Tattva Viveka, September 2019

Dieses Buch ist in mehrerlei Hinsicht ein besonders schönes Buch. Erstens hat es eine edle Aufmachung. Die Grafik und der Text sind wohltuend gesetzt und enorm professionell aufbereitet. Die zahlreichen Bilder von wunderbaren, interessanten Menschen sind brillant. Nur sie sind schon eine große Freude beim Durchblättern, vor allem aber, weil aus diesen Menschen und sonstigen Motiven eine unglaublich große Kraft spricht, die Kraft einer großen Vision des Heiligen Lebens, für das diese Menschen als AktivistInnen, Revolutionäre und ReformerInnen eintreten. Und diese große Kraft spricht auch aus den Texten. Es sind relativ kurze Texte von ganz vielen Menschen, die an dem großen Friedenstreffen »Defend the Sacred« 2018 in Tamera in Portugal teilgenommen hatten. Alle diese Menschen sind beeindruckend. Sie stammen aus allen möglichen Kontinenten und Ländern, vor allen Dingen aus unterdrückten Völkern: Afrika, Palästina, indigene Kulturen, Syrien, Lateinamerika, Indien usw., aber natürlich auch viele EuropäerInnen, die auf der Suche nach alternativen Wegen sind.

Das Buch ist thematisch unterteilt. Es beginnt mit der ökologischen Situation bezüglich Energiegewinnung und Heilung des Wassers. Es behandelt dann die Frage der planetarischen Gemeinschaft, das Heilige, das Leben, sodann Kapitel zur weiblichen Revolution sowie zur Transformation der Ökonomie und zu Visionen als Geburtshelfer für eine neue Erde.

Bei diesem Treffen in Portugal waren Vertreter von zahlreichen Bewegungen und Initiativen präsent, die in ihren jeweiligen Ländern oder Themengebieten für ein neues Verständnis von Leben eintreten, z.B. Global Ecovillage Network (GEN), die Transition Town Bewegung, One Billion Rising u.v.m. Das besonders Spannende an dieser Versammlung finde ich die starke Verbindung von Politik und Spiritualität. Aus allen Texten spricht eine Notwendigkeit des politischen Aktivismus und zugleich ein Bewusstsein für das Heilige. Deswegen der zutreffende Titel »Defend the Sacred«. Gerade diesen Aspekt finde ich eminent wichtig, denn oft zerfallen diese beiden Bereiche in getrennte Abteilungen. Zahlreiche politische Initiativen beschäftigen sich nur mit den materiellen und äußerlichen Angelegenheiten wie Finanzen, Ökonomie, Rechte der Arbeitnehmer und Ökologie. Die meisten spirituellen Bewegungen dagegen interessieren sich nur für ihre innere Entwicklung, Psychologie, Liebesbeziehungen und Erleuchtung. Aber genau diese beiden Bereiche müssen zusammengebracht werden.

Wir stehen vor politischen Veränderungen, dies ist nicht zu leugnen und auf dieser Ebene muss gehandelt werden. Dennoch dürfen wir das Heilige in uns und in Mutter Erde erkennen und bewahren, denn das trägt unsere Seele und ermöglicht uns, lebensrichtig zu handeln. Im Grunde ist das Leben das Heilige. Zugleich bilden diese Menschen reale Gemeinschaften. Sie arbeiten in Heilungsbiotopen, Entwicklungsräumen für neue Formen des Zusammenlebens, die nicht nur gegen das bestehende System sind, sondern bereits neue Lebensformen praktizieren, so gut das geht. Tamera ist dafür ein Beispiel, das seit 40 Jahren existiert.

Buckminster Fuller sagte: »Die Welt ist zu gefährlich geworden, um sich mit weniger als der Utopie zufrieden zu geben.« (S. 9) Diese Utopie ist die Vision einer geheilten Erde. »Wir befinden uns in einem Geburtsprozess, in dem politischer Aktivismus mit der spirituellen Quelle zusammenkommt« (S. 12), sagt Sabine Lichtenfels, eine der Gründerinnen von Tamera. Während des Treffens organisierten sie eine große Protestaktion gegen die Ölbohrungen vor der portugiesischen Küste, und gestalteten diese mit fantasievollen gewaltfreien Aktionen (siehe den Artikel von Dieter Duhm). Die Ölbohrungen wurden übrigens dadurch ausgesetzt.

Die Berichte der Aktivistinnen und Aktivisten sind wirklich sehr berührend, sie zeugen von tiefen persönlichen Verwirklichungen spiritueller Qualitäten. Hier kommt etwas zusammen, was zusammengehört. Das Titelbild ziert Ladonna Brave Bull, eine der Initiatorinnen des Widerstandes in Standing Rock in North Dakota, USA. Die eine Hand zur Faust erhoben – das ist die politische Geste –, mit meditativ geschlossenen Augen – der spirituelle Aspekt – und die andere, linke Hand auf der Gebärmutter – dies ist der Aspekt des Weiblichen und der Mutter Erde. Hier kommen wirklich die verschiedenen Aspekte des Lebens zusammen. Sehr ergreifend ist auch der Bericht von Salim Dara aus Benin, Afrika, der viele Jahre im Gefängnis verbringen musste, weil er als Student an einer Demonstration teilgenommen hatte. Er ist mittlerweile König von ca. 80.000 Menschen. Sein Verständnis von Königtum ist sehr unkonventionell, aber genau das richtige: »Ein König verwaltet sein Land nicht, er hört den Menschen zu.« Sehr ergreifend ist auch der Bericht von Monique Wilson, Philippinen, der globalen Koordinatorin von »One Billion Rising«, zum Thema Frauenrechte. Was mich als Mann noch besonders berührt hat, ist der Beitrag der Navajo-Aktivistin Pat McCabe, USA, über das heilige Männliche. Ihr tiefes Verständnis der indigenen, naturreligiösen Spiritualität gab mir eine lange gesuchte Antwort auf diese Frage, was denn das Gute im Mann ist. Sie sagt, der Mann ist der Hüter des Feuers. Dies bedeutet im übertragenen Sinne das Feuer der Leidenschaft und der Sinnlichkeit, eine treibende Kraft, die das Leben nach vorne bewegt, »der Laserstrahl eures erstaunlichen Geistes« (S. 119), »ein heißes Eisen« (S. 118), für das es sehr viel Disziplin und Rechtschaffenheit braucht, um diese Energie ehrenhaft zu halten.

Alles in allem ein wunderbar reiches, politisches, spirituelles, praktisches Buch, das sehr viel Hoffnung gibt, weil es auf vielen Ebenen Welten zusammenbringt, die unbedingt zusammengehören: Praxis und Theorie, Frau und Mann, Politik und Spiritualität, Individuum und Gemeinschaft. Und das Beste – es existiert bereits real. Sollte es möglich sein, dass wir diese Welt doch noch rumkriegen?

Dann wäre auch der alte Widerspruch gelöst, dass ein Sieger immer auch einen Verlierer braucht, und wir hätten wirklich ein neues Paradigma, wie es der Untertitel sagt: »Wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer geben.«

Ronald Engert

Das Buch kaufen