von Charles Eisenstein

Geld drückt die Werte einer Gesellschaft aus. Das Geld sagt, was wir wertschätzen und was wir tun sollen. In einer heilen Welt würde das Geld allen Menschen und allem Leben zugutekommen, doch heute werden die Dinge, die das Leben zerstören, mit dem meisten Geld belohnt. Dagegen gibt es für die Dinge, die dem Leben dienen, überhaupt kein Geld. Geld ist die Verkörperung von Herrschaft, Wachstum, Kontrolle, Konkurrenz und Trennung. Das sind die Werte der Zivilisation, die momentan die Welt beherrscht.

Wir nehmen teil am System der Ausbeutung, wenn wir am Abbau von Ressourcen oder an der Zerstörung der Gemeinwesen teilnehmen. Wenn man es schafft, Menschen daran zu hindern, einander zu helfen, und Hilfe stattdessen in eine bezahlte Dienstleistung verwandelt, dann ist man ein Teil des Ausbeutungssystems geworden.

Stellt euch vor, ihr entdeckt einen Ort auf der Welt, an dem Menschen sich noch gegenseitig ihre eigenen Lieder vorsingen. Wenn ein Haus niederbrennt, kommen die Nachbarn und helfen beim Wiederaufbau. Jeder kocht für andere mit. Die Menschen bauen ihre eigene Nahrung an. Sagen wir westlichen Menschen dann vielleicht: Wir haben das Paradies gefunden? Nein, wir sagen: „Schaut mal, hier ist ein unentwickelter Markt. Wir müssen ihnen helfen, sich zu entwickeln!“

Weil wir unseren eigenen Lebensstil als „entwickelt“ betrachten, ist es ihre Bestimmung, auch so zu werden wie wir. Sie sollen nicht mehr eigene Lieder singen, sondern Musik aus der Unterhaltungsindustrie anhören. Sie sollen einander nicht mehr beim Wiederaufbau eines verbrannten Hauses helfen, sondern eine Versicherungspolice abschließen. Sie sollen ihre Kinder nicht mehr auf traditionelle Weise lehren, sondern in eine Schule schicken, die wir mit ihren Steuergeldern aufbauen.

Und wenn sie sagen: „Es tut uns Leid, aber wir haben nicht das Geld dafür“, dann bieten wir ihnen einen Entwicklungskredit an. Dann kann ihr Land so werden wie unseres. Sobald sie den Kredit akzeptiert haben, stecken sie in der Falle. Es gibt viele Länder in der Welt, die 5, 10 oder 20 Milliarden Dollar Kredit erhalten haben. Im Laufe der Jahre zahlen sie, sagen wir, mehr als 30 Milliarden zurück. Aber bedeutet das, dass sie dann mit den Rückzahlungen fertig sind? Nein! Die Zinsen und Zinseszinsen sind so hoch, dass die Zahlungen unter den bestehenden Bedingungen so gut wie nie enden.

Um die Rückzahlungen zu leisten, müssen sie ihre Ressourcen abbauen und ihre Rohstoffe exportieren. Sie müssen Anbauflächen für Zuckerrohr oder Kaffee zur Verfügung stellen. Am Ende müssen sie auch noch ihre jungen Leute, ihre Kreativität, ihre Arbeit weggeben. Und immer noch sind die Schulden nicht abbezahlt. Wenn sie dann nicht mehr zahlen können, sagt das Finanzsystem: „Ihr müsst aber! Es muss doch noch irgendetwas geben, was ihr verkaufen könnt. Was ist mit euren Häfen? Was ist mit euren öffentlichen Dienstleistungen?“

Wie Edward Goldsmith schreibt: „Entwicklung ist nur ein neues Wort für das, was Marxisten Imperialismus nannten und was wir auch als Kolonialismus bezeichnen könnten – einfach ein geläufigerer und weniger belasteter Begriff. Bereits ein kurzer Blick auf die heutige Situation der Dritten Welt zeigt deutlich die beunruhigende Kontinuität von der Kolonialzeit in die Ära der so genannten Entwicklung.“

Nehmen wir an, die Regierung eines solch verschuldeten Landes möchte wirklich ihre Bevölkerung schützen und ihr Land erhalten. Sie weigert sich, neue Minen zu eröffnen, nach Öl zu bohren, kommunales Land in Privateigentum umzuwandeln. Doch dann bekommt sie einen so enormen Druck von außen, dass sie nicht lange standhalten kann. Selbst die linke Regierung Griechenlands konnte sich der Sparpolitik nicht widersetzen.

Sparmaßnahmen bedeuten im Grunde: Gebt euch noch mehr Mühe, bringt noch mehr Opfer, um die Kredite zurückzuzahlen. Wenn die Regierung immer noch sagt: „Entschuldigung, wir werden nicht zahlen“, dann kommt die CIA, dann kommt eine Militärinvasion, um sicherzustellen, dass das Land eine neue Regierung bekommt. Das passiert gerade in Venezuela. Und genau daraus entsteht so viel Gewalt auf der Welt. Wir haben hier starke Beiträge dazu gehört. Menschen aus Guatemala, Palästina, Kamerun beschreiben die Grausamkeiten, die bei ihnen geschehen. Im globalen System der Ausbeutung ist Gewalt unvermeidlich, Rassismus ist unvermeidlich, ökologische Katastrophen sind unvermeidlich. Dies sind alles Symptome des gleichen ökonomischen Systems. Wenn wir nur gegen Gewalt oder gegen Rassismus kämpfen, aber das Wirtschaftssystem nicht ändern, werden wir für immer kämpfen und niemals gewinnen.

Wir denken vielleicht, wenn wir nur dieses Dorf vor den Bulldozern schützen könnten, dann ist es gut. Aber wenn wir den einen Ort schützen, findet die ökonomische Gier irgendwo anders etwas, das in Geld umgewandelt werden kann. Es ist, als ob man versucht, ein Feuer in einem Land zu löschen, das extrem trocken ist und in dem es immer heißer wird. Ja, man kann einen Brandherd löschen, vielleicht auch mehrere, aber irgendwann muss man die Frage beantworten, warum das Land so ausgetrocknet ist. Und dann muss man – neben der Brandbekämpfung – den Boden und das Wassersystem heilen.

Die Umstände, die Menschen dazu bewegen, Paramilitärs einzusetzen, sind wirtschaftliche Umstände. Deshalb ist es wichtig, das Wirtschaftssystem und insbesondere das Schuldensystem zu verstehen. Es gibt in diesem System keine Gewinnerländer, auch nicht die USA. Auch in den USA ist es die Bevölkerung, die bezahlt. Sie befindet sich in der Falle des gleichen Systems, in dem Kredite zurückgezahlt werden müssen – für Häuser, für andere Dinge.

Und doch gibt es auch das andere Prinzip des Schenkens. Es gibt überall Menschen, die sich umeinander kümmern, die füreinander sorgen, um zu überleben. Wir brauchen diese Beispiele vom Leben in Gemeinschaften und vom Schenken. Sie helfen uns, zu verstehen und zu akzeptieren, dass wir hier auf der Erde sind, um alles zu geben, was wir können, und um ohne Schuldgefühle alles anzunehmen, was wir brauchen, um wirksame Geber sein zu können.

All das bedeutet, dass unsere Bewegung nur von Menschen finanziert werden kann, die keine Rendite erwarten. Mit anderen Worten, unsere Bewegung kann nur durch Geschenke finanziert werden. Sie kann nur von Leuten finanziert werden, die Geld haben, die einen Sinneswandel durchlaufen haben und nun ihr Geld einsetzen wollen, um das System zu heilen. Wir müssen uns erlauben, dieses Geld anzunehmen. Wenn wir uns die volle Erlaubnis geben, von Geschenken zu leben und für das Schenken zu leben, werden wir ein Magnet, der den Überfluss und die Fülle anzieht.

Aus dem Buch: Defend the Sacred – wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer geben.