Ein revolutionäres Experiment im Nahen Osten zeigt einen möglichen Weg für die Zukunft der Menschheit

 

(Dieser Text ist die deutsche Übersetzung eines Artikels, der am 1. November 2019 im Guardian erschienen ist.)

 

In Nordost-Syrien geht es um mehr als um das Schicksal des kurdischen Volkes oder das Autonomiegebiet von Rojava. Es geht auch um mehr als den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (auch bekannt unter der arabischen Abkürzung Da’esh). Es geht in Wahrheit darum, ob wir als Menschheit in der Lage sind, die Krisen der gegenwärtigen Zivilisation zu überleben und Alternativen zu finden, bevor es zu spät ist.

Die Rojava-Invasion, angeordnet vom türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan, wendet extrem brutale Methoden von Gewalt und Völkermord an, die wir aus den schlimmsten Kriegen des 20. Jahrhunderts kennen – und das ungeachtet der angekündigten „Waffenruhe“. Die türkische Luftwaffe wirft Napalm und weißen Phosphor ab, gleichzeitig ermorden jihadistische Schwadronen die fliehende Zivilbevölkerung als Rache für Rojavas Widerstand gegen den IS und ihre Rolle als wohl wichtigsten Partner des Westens in der Region.

Die USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und andere sog. Weltmächte verraten allesamt sowohl das internationale Völkerrecht als auch die Genfer Konvention, indem sie die ethnische Säuberung und Besatzung
von Rojava zulassen. Das Ziel der Türkei ist klar: Sie wollen etwas auslöschen, was für alle faschistischen Kräfte schon immer die größte Bedrohung war: ein freies Volk, das mutige und erfolgreiche Experimente außerhalb des globalisierten Ausbeutungs-Systems wagt.

Seit 2012 bauen etwa fünf Millionen Menschen – darunter Kurd*innen, Araber*innen, Assyrer*innen Turkmen*innen, Ezid*innen und andere – die autonome Zone Rojava auf. Damit wurden sie zu einem Modell, wie eine multiethnische Gesellschaft außerhalb der Zwänge von Nationalstaat, Patriarchat und Kapitalismus respektvoll zusammenleben kann. Durch ihre radikale Entscheidung für demokratische und dezentrale Selbstverwaltung, Gleichstellung der Geschlechter, regenerative Landwirtschaft und ein Rechtssystem, das auf Versöhnung und die Integration von Minderheiten angelegt ist, liefert das Experiment Rojava ein lebendiges Beispiel dessen, was unter den scheinbar unmöglichsten Umständen möglich ist. Wir möchten alle Leser*innen zur Lektüre von Rojavas inspirierender Charta für einen Gesellschaftsvertrag anregen.

Westliche Anführer*innen täuschen Mitgefühl vor, während amerikanische, deutsche und britische Waffenhersteller die Türkei mit Waffen beliefern. Es ist klar, dass das herrschende System nicht diejenigen verteidigen kann und will, die andere Wege des Wissens und Lebens erkunden. Wie der inhaftierte Kurdenführer Abdullah Öcalan schreibt: „Die wahre Macht der kapitalistischen Moderne besteht nicht in Geld oder Waffen, sondern in der Fähigkeit, alle Utopien mit seinem Liberalismus zu ersticken.“

Dennoch erhebt sich eine wachsende weltweite Allianz gegen dieses alte System. Von Haiti bis Libanon, von Chile bis Irak, von Kamerun bis USA, von Großbritannien bis Hongkong widersetzen sich soziale Revolutionen dem erstarkenden Faschismus, kurzfristiger politischer Macht-Orientierung, Gier, Klimazerstörung, Kriegen – alles Dinge, die nötig sind, um das vorherrschende ökonomische System aufrechtzuerhalten. Die Konfliktlinien werden klarer: Herrschaft oder Kooperation, Kolonialisierung oder Autonomie, Unterdrückung oder Freiheit, Patriarchat oder Partnerschaft – die Zukunft der Menschheit entscheidet sich an diesem Wertewandel.

Damit Rojava überlebt und damit Gerechtigkeit erhalten bleibt, müssen all diejenigen, die heute in ihren Ländern gegen das Unrecht aufstehen, zusammenkommen und kreativ eine gemeinsame Stimme, gemeinsame Werte und Visionen für einen globalen Systemwechsel entwickeln. Rojava kämpft aus denselben Gründen wie die erwachende Mehrheit überall auf der Welt. Es hat gezeigt, dass der Ausweg aus den sozialen und ökologischen Krisen nicht mehr in einer so genannten, vom Bruttosozialprodukt abhängigen „Entwicklung“ besteht, sondern in dezentralisierten, autonomen Gemeinschaften.

Funktionierende Gemeinschaften an immer mehr Orten aufzubauen – durch ökologische Restaurierung, Heilung des kollektiven Traumas und die Entwicklung sozialer Strukturen von Solidarität und Vertrauen – ist heute die entscheidende Arbeit an der Transformation. Wenn wir erkennen, wie tief all unsere Bewegungen und Kämpfe voneinander abhängen – und von unserer Verbindung mit dem Netz des Lebens, dann kann keine Armee der Welt den unvermeidlichen Wandel mehr aufhalten.

Als Leiter*innen vieler sozialer Bewegungen, Gemeinschaften und indigener Völker weltweit stehen wir in Solidarität mit der Vision und Arbeit von Rojava. Wir beten für ihre Standhaftigkeit, ihren Schutz in der Bedrohung und ihre Ausdauer. Wir beten, dass wir alle immer mehr auf die lebendige Erde hören und von ihr lernen, denn sie zeigt uns, wie wir Gesellschaften aufbauen können, die in Kooperation mit allen Wesen stehen. Wir beten auch dafür, dass Menschen in Machtpositionen sich an ihre Menschlichkeit erinnern und diese Invasion sofort beenden.

 

Unterzeichnet am 2. November 2019, dem weltweiten Widerstandstag für Rojava, von:

LaDonna Brave Bull Allard, Standing Rock – Turtle Island (USA)
Salim Dara, Rural Solidarity – Benin
Eve Ensler, One Billion Rising – Turtle Island (USA)
Sabine Lichtenfels, Tamera Friedensforschungszentrum Tamera – Portugal
Tiokasin Ghosthorse, First Voices Indigenous Radio – Turtle Island (USA)
Alnoor Ladha, The Rules – Kanada
Gildardo Tuberquia, Friedensgemeinschaft San José de Apartadó – Kolumbien
Yael Ronen, Maxim Gorki Theater – Deutschland
Sami Awad, Holy Land Trust – Palästina
Gigi Coyle, Beyond Boundaries – Turtle Island (USA)
Joshua Konkankoh, Better World – Kamerun
Stuart Basden, Extinction Rebellion – Großbritannien
Aida Shibli, Global Campus – Palästina
Claudio Miranda, Favela da Paz – Brasilien
Rajendra Singh, Tarun Bharat Sangh – Indien