Wir leben in einer Welt, in der Millionen und Abermillionen von Frauen Opfer sexueller Gewalt werden, die UNO spricht sogar von einer Milliarde. In allen Kriegen wird Massenvergewaltigung als strategische Waffe eingesetzt. Nicht nur Männer sind Täter sexueller Gewalt: Die unsäglichen Verletzungen durch Genitalverstümmelung – täglich bis zu 6.000-mal – werden mehrheitlich von Frauen an Mädchen verübt. Das Leiden der Opfer sexueller Gewalt ist so ausweglos und unermesslich, dass sich ein Ozean von Tränen ergießen will. Und ein Aufschrei der Empörung!
Wie können wir sexuelle Gewalt beenden, weltweit, in jedem Land, jeder Kultur, jeder Familie und jedem Arbeitsverhältnis? Wir müssen unsere Stimme erheben – mächtig und entschlossen. Wir müssen Frauen Mut machen, dass sie sich trauen, wahrheitsgemäß zu berichten, was ihnen widerfahren ist. Vor allem aber müssen wir die Ursachen sehen. Wie konnte es überhaupt zu einer Kultur und Gesellschaft kommen, in der diese Art von Gewaltverbrechen zur Tagesordnung gehört?
Auch ich könnte aufschreien: Me, too! Auch ich bin Opfer einer fehlgelaufenen sexuellen Entwicklung – aber ich richte meine Anklage nicht gegen einzelne Täter, sondern gegen ein falsch organisiertes Liebessystem, in dem die Wahrheit und Schönheit zwischen den Geschlechtern nicht gelebt werden konnte.
Die Debatte um sexuellen Missbrauch zeigt uns die falschen Strukturen einer globalisierten Gesellschaft, in der es auch 50 Jahre nach der angeblichen sexuellen Befreiung keine geschützten Räume für Vertrauen und Wahrheit gibt. Sie zeigt überdeutlich, dass in einer Gesellschaft, die auf den kapitalistischen Gesetzen von Profit und Macht beruht, die erotische Anziehung zwischen den Geschlechtern ihren heilen und heiligen Kern verlieren musste. Sie zeigt uns, dass wir innerhalb dieses Lebenssystems nicht in der Lage sind, die sexuelle Wirklichkeit so zu gestalten, dass sich ihre Heilströme entfalten. Eine in Vertrauen und Kontakt gelebte Sexualität führt niemals zur Gewalt. Aber wo sich in einer Gesellschaft die heilende sexuelle Wirklichkeit nicht frei entfalten darf, wo die Magie und der Starkstrom der Anziehung nicht geachtet und zelebriert, sondern unterdrückt und verheimlicht werden, da entsteht ein gesellschaftlicher Untergrund, den niemand mehr durchschaut. Kriminalität, Widerstand, Perversion und Folter spielen sich in verbotenen Nischen der Gesellschaft ab, bis sie in Kriegs- und Krisensituationen mit gewaltiger Macht ans Licht kommen. In anarchistischer Eigenregie reißen sie alles mit sich, und niemand ist dieser anonymen Macht gewachsen.
MeToo ist ein Aufschrei der Geschlechter, der aufzeigt, dass wir alle gemeinsam in eine Sackgasse gelaufen sind. Haben wir das Wissen und den Mut, so zu leben, dass die erotische Anziehung zwischen den Geschlechtern wieder ihre Würde, ihre Wahrheit und Schönheit, ihre Heilung und Heiligung bekommen?
In unserer modernen Welt kommen Menschen aus vielen Kulturkreisen zusammen. Das führt auch immer wieder zu Missverständnissen und Irritationen im erotischen Bereich. Man stelle sich vor, es gäbe hier mehr erfahrene und wissende Männer und Frauen, die feinfühlig und mutig genug sind, auch über diese Themen offen zu sprechen. Vereinzelt geschieht dies bereits. Das sind wesentliche Beiträge für den Übergang in eine freie und multikulturelle Gesellschaft. Es geht hier um sexuelles Wissen, das uns von innen verstehen lässt, was Männer oder auch Frauen zu Gewalttätern werden lässt; und es geht um die Aneignung einer Frauenmacht, nicht länger aus Angst zu schweigen.
Wir – Frauen und Männer – sind an diesem Punkt herausgefordert, eine solidarische Bewegung zu formieren, die die sexuellen Hintergründe durchschaut und mutig beim Namen nennt. Es geht nicht um neue Anfeindungen und weitere Verschärfung der Fronten zwischen Frauen und Männern, sondern um Aufklärung, die mithelfen kann, die sexuelle Gewalt auf dieser Erde zu durchschauen und zu beenden.

Der Beitrag stammt aus dem Buch Und sie erkannten sich – das Ende der sexuellen Gewalt, von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels

Hier findest du ein Video mit einer Lesung des Textes von Sabine Lichtenfels