Heute, am 1.1. 2020, dem 26. Jahrestag des zapatistischen Aufstandes in Mexiko, senden wir solidarische Grüße an alle Versuche weltweit, aus dem kapitalistischen und patriarchalen System auszusteigen und Alternativen aufzubauen. Auch wenn diese Versuche noch überall bekämpft werden, liegt hier doch ein unbesiegbarer Trend: der Trend des Lebens, seine Unterdrückung weltweit abzuschütteln.

Wir denken an diesem Tag vor allem an Rojava und möchten über die Situation fast drei Monate nach der türkischen Invasion informieren – soweit es uns durch die Berichte von Augenzeugen und Internet-Recherche möglich ist. Rojava ist der Name für das plurinationale Autonomie-Experiment im Nordosten Syriens, das von der kurdischen Befreiungsbewegung gegründet und von der Vision eines „demokratischen Konföderalismus“ des seit 20 Jahren inhaftierten Kurdenführer Abdullah Öcalan inspiriert wurde. Seit sieben Jahren existiert dort ein beachtlicher Versuch von über 2 Millionen Menschen, sich nach ökologischen, basisdemokratischen und geschlechter-gerechten Prinzipien selbst zu verwalten. Alle wichtigen Entscheidungen werden von Volksräten getroffen. Die Menschen, vielfach vom Krieg gezeichnet und traumatisiert, versuchen, sich selbst zu heilen und ihr Land ökologisch so zu regenerieren, sodass es seine Bewohner wieder ernährt.

Die Invasion der Türkei begann am 9. Oktober, nachdem Donald Trump überraschend und scheinbar einer spontanen Laune folgend die US-Truppen abgezogen hatte. Damals wurde täglich in allen Medien über den brutalen Angriff berichtet; heute sind nur sehr schwer Nachrichten aus der Region zu erhalten. Wir wissen, dass es zu Kriegsverbrechen, Bombardierungen auf Krankenhäuser und Schulen kam, sogar Napalm und weißer Phosphor wurden eingesetzt, ebenso Folter. Über 400,000 Menschen, vor allem Kurden, flohen aus dem Kampfgebiet. Die Türkei hatte nach kurzer Zeit ein etwa 150 km langes und etwa 30 km tiefes Kerngebiet Rojavas zwischen Gire Spi (Tell Abyad) und Serekaniye (Ras al-Ayn) besetzt, das sie seither kontrolliert. Nach einem Militärpakt zwischen der demokratischen Selbstverwaltung und Assad, wodurch syrische und russische Soldaten in Rojava stationiert wurden, konnte die türkische Invasion auf diese Gebiete beschränkt werden.

Unterdessen hat die Türkei wie angekündigt angefangen, arabische Flüchtlinge in dem besetzten Gebiet zwangs-anzusiedeln. Es sind meistens Syrer, die auf der Flucht aus Aleppo und Idlib in der Türkei gelandet waren. Diese Praxis der Zwangsumsiedlung wird heute “ethnic engineering” genannt: Im Allgemeinen führt sie zu gewollten sozialen Dauerkonflikten und einer langfristigen Destabilisierung der Region. Ziel Erdogans ist die langfristige Zerstörung des sozialen Gewebes der kurdischen Gesellschaft.

Trotz allem arbeiten die Volks- und Frauenräte in Rojava noch immer weiter, weiterhin gilt die geschlechterdemokratische Selbstverwaltung. In vielen Städten finden Massenkundgebungen statt, in denen die Menschen die Werte und Ziele der Revolution verteidigen. Doch der Druck durch Türkei, Dschihadisten, das Assad-Regime, Russland und USA ist enorm. Mit allen strategischen Mitteln und unheiligen Allianzen versuchen sie, die Rojava-Revolution zu unterminieren. Denn sie verkörpert das, was alle imperialistischen und diktatorischen Regimes am meisten fürchten: den Versuch einer autonomen, freien Gesellschaft außerhalb der Zwänge von Markt, Staat und Patriarchat.

Die Lage ist hochkomplex und unübersichtlich; Bündnisse entstehen und werden aufgekündigt; ewige Verlierer sind das Land und die Menschen.

In dieser Situation laden wir weiterhin alle FreundInnen und GenossInen weltweit ein, das tägliche Gebet für Rojava aufrechtzuerhalten. Danke an alle, die sich bis jetzt beteiligt haben. Wir beten für Frieden für Rojava; darum, dass der humane, revolutionäre Impuls der Region geschützt bleibt und die Revolution trotz allem weitergeht. Wir beten, dass die Angehörigen verschiedener Völker sich über alle ideologischen, religiösen und ethnischen Grenzen hinweg verständigen und ihre Gemeinsamkeiten stärker wiegen als die Feindschaft.

(Leila Dregger, Martin Winiecki)

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