Mni Wiconi – “Wasser ist Leben” – war der wichtigste Satz im Kampf der Indianer von Standing Rock. Doch was heißt es wirklich? Tiokasin Ghosthorse, Friedensaktivist, Angehöriger der „Cheyenne River Lakota Nation“, Gastdozent der Yale Universität für eine kosmologische Weltenlehre erklärt die tiefere Bedeutung des Satzes.

Mni ist ein Wort in der Sprache der Lakota. Es gibt keinen Begriff im Englischen oder Deutschen, der seine umfassende Bedeutung auch nur annähernd wiedergeben könnte. Wir übersetzen es mit „Wasser“, aber das ist nur ein kleiner Teil seiner Bedeutung.
Um zu wissen, was Mni wirklich bedeutet, müssen wir etwas über die kosmologische Weltsicht der Lakota wissen. Dann versteht man auch, warum wir Mni so viel Respekt entgegenbringen. Das „M“ steht für so etwas Ähnliches wie „das, was mich und dich und alle Dinge miteinander verbindet“. „Ni“ heißt „leben“, es ist kein Substantiv, sondern ein Verb, denn das Leben ist immer in Bewegung. Es steht auch für die Muttermilch oder die Mutterbrust. Das „i“ steht für „Stimme“, das heißt, wir geben der lebendigen Beziehung zwischen mir und dir einen hörbaren Ausdruck.
Mni ist das „erste Bewusstsein“, welches Mutter Erde verliehen wurde. Die Lakota bezeichnen Mni in ihrer Schöpfungsgeschichte als das blaue Blut; Mni ist der glänzende Spiegel, in dem sich das Universum erkennt. Seine Transparenz ist ein Sinnbild für die Schöpfung und für einen Weg, die Schöpfung zu verstehen.
Mni ist die Zeit und der Raum, der von Mutter Erde verstanden wird, denn sie trägt in sich die ganze Schöpfung: Ozeane, Flüsse, Seen, Teiche, Bäche, Ströme, den Regen, die Fluten, die Wellen, die Feuchtigkeit und Nässe, die Hurrikane, Tornados, Regenbögen und die Tränen der Kinder.
Mni ist ein Wesen. Es ist eine Schöpferkraft, zusammen mit der Sonne, dem Mond, den Sternen, den Winden, der Erde, dem Feuer und allen empfindungsfähigen Lebewesen und auch solchen, die wir als nicht empfindungsfähig betrachten.
Mni ist ein Kelch voller Sterne. Wenn du es trinkst, siehst du darin das glitzernde Licht und die Reflexionen der Sonne in den Wassern der Erde.
Indem wir die indigenen Kulturen wieder achten, kehrt die menschliche Spezies zu den „ursprünglichen Instruktionen“ zurück. Das ist die Sprache von Mutter Erde, die so lange aus wissenschaftlichen, politischen und religiösen Erklärungen über das Leben ausgeklammert wurde. In der modernen Welt bezeichnet man das Mni als „Rohstoff“ („resource“) anstatt als die Quelle („source“) des Lebens. Dadurch wurde eine spirituelle Entwicklung gestoppt und das erste Bewusstsein als primitive Vorstellung abgetan. Wir können unsere Weltsicht verändern, wenn wir verstehen, dass Mni mehr bedeutet als das Wort „Wasser“.
Mni ist in deinem Atem, in deiner Zunge, in deinen Fingerspitzen und in allem, was du dir im endlosen Universum überhaupt nur vorstellen kannst. Mni ermöglicht deinen Augen, sich zu bewegen, wenn du träumst. Mni träumt mit dir und bewahrt die Erinnerungen, die du in deinem geschäftigen Leben brauchen wirst. Mni macht uns bescheiden in Momenten, in denen wir uns zu wichtig nehmen.
Ich wasche mein Gesicht jeden Morgen mit Mni, kühle das Feuer in meinen Augen, tropfe es auf meinen Kopf und meinen Leib in Anerkennung und Dankbarkeit für das vergangene und gegenwärtige Leben und für alle Möglichkeiten des zukünftigen Lebens.
Mni ist ein liebendes, sich bewegendes, wachsendes, reinigendes und kraftvolles Lebewesen. Ich bitte um Erlaubnis, bevor ich Mni trinke. So trinke ich diese Flüssigkeit voller Sterne, die wir Mni nennen, und bete, dass alle vom Leben erfüllt werden, anstatt einsam in einer Welt zu leben, die wir in unserem anthropozentrischen Weltbild nicht verstehen und in der wir so vieles als selbstverständlich hinnehmen.

Defend the Sacred, herausgegeben von der Grace Foundation, Schweiz