Ich konnte es mir nicht mehr leisten,
missgünstig oder gereizt zu sein.
Jacques Lusseyran

Lusseyran! Ein großer Name in der Geschichte der erkennenden Liebe. Ein Name, der uns dazu bringen kann, unsere Lebensziele noch einmal zu überdenken.

Mit 8 Jahren erblindete er durch einen Unfall. Seitdem, schreibt er, wurde er sehend. Während des zweiten Weltkriegs trat er in die französische Widerstandsbewegung ein und arbeitete gegen den Terror der deutschen Besatzungsmacht. Er war 17 und leitete eine Jugendgruppe von Gleichaltrigen, die unter täglicher Lebensgefahr Nachrichten verbreiteten und gleichzeitig als Gymnasiasten ihr normales Leben weiterführten. Diese Überbelastung führte zu einer merkwürdigen Befreiung:

Seitdem wir an der Résistance teilnahmen, waren unsere geistigen Fähigkeiten gewachsen. Alle Arten von dunklen Problemen hatten sich erhellt. Unser aller Gedächtnis hatte sich unerhört geübt. Wir lasen zwischen den Worten und in den Pausen. Unternehmen, die uns zwei Monate vorher unausführbar schienen, die wie Mauern oder Gespenster vor uns standen, lösten sich in staubartig-kleine, leichte Aktionen auf. Georges hatte recht, wenn er diesen Zustand den „Gnadenzustand“ nannte. Ich spürte meinerseits, daß mein Bewußtsein mit dem Bewußtsein von Hunderten anderer in Verbindung getreten war und mit deren Leiden und Hoffnungen wuchs.

Die Gruppe wurde verraten, ihre Mitglieder wurden verhaftet. Einige verschwanden für immer, Lusseyran wurde ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Von den zweitausend Franzosen, die mit ihm nach Buchenwald kamen, überlebten ungefähr dreißig, auch er. „Wie, weiß ich nicht. Nicht ich bin es, der mein Leben lenkt. Gott lenkt es. Ich habe nicht immer begriffen, wie er es getan hat.“ Der Grund seiner ungewöhnlichen Überlebensfähigkeit inmitten von Folter und Terror war seine immer präsente Wahrnehmung, die durch keine Angst und keinen Hass getrübt war. „Ich konnte mir nicht mehr leisten, mißgünstig oder gereizt zu sein.“ Aus der unmittelbaren Wahrnehmung heraus konnte er anders reagieren, als man erwartete. So stellte er laufend neue Situationen her, auf die seine Peiniger nicht mit ihren alten Mustern reagieren konnten. Das Schicksal hat ihn gezwungen, in ununterbrochener Gegenwart zu leben. Das gab ihm die ungewöhnliche Ruhe des Erkennens, Nicht-Verurteilens und Überlebens.

Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Entwicklung? Nach seiner Erblindung entdeckte er vor den Augen einen hellen Bildschirm, der sich immer dann verdunkelte, wenn Angst, Wut oder schlechte Gedanken auftauchten. So hatte er eine unmittelbare Kontrolle über seine Gefühle und Gedanken. Er lernte es im Laufe der Zeit, auch in schwierigen Situationen die Ruhe zu bewahren und seinen Bildschirm hell zu halten. Sein Buch trägt den Titel „Das wiedergefundene Licht“.

Durch die Blindheit entdeckte er das Licht, und mit der Entdeckung des Lichts begann für ihn die Geburt eines neuen Lebens.

Ich sah, wie von einer Stelle, die ich nicht kannte und die ebenso gut außerhalb meiner wie in mir liegen mochte, eine Ausstrahlung ausging oder genauer: ein Licht – das Licht. Das Licht war da, das stand fest. Ich fühlte eine unsagbare Erleichterung, eine solche Freude, daß ich darüber lachen mußte. Zuversicht und Dankbarkeit erfüllten mich, als ob ein Gebet erhört worden wäre. Ich entdeckte das Licht und die Freude im selben Augenblick, und ohne Bedenken kann ich sagen, daß sich Licht und Freude in meinem Leben seither niemals mehr voneinander getrennt haben: zusammen besaß oder verlor ich sie.

Hier wird ein Aspekt der heiligen Matrix beschrieben, die Grunderfahrung des Lichts. Lesen wir noch ein Stück weiter:

Die Sehenden sprechen immer von der Nacht der Blindheit, und das ist von ihrem Standpunkt aus ganz natürlich. Aber diese Nacht existiert nicht. Zu keiner Stunde meines Lebens – weder im Bewußtsein noch selbst in meinen Träumen – riß die Kontinuität des Lichtes ab. Ohne Augen war das Licht weit beständiger, als es mit ihnen gewesen war. Jene Unterschiede zwischen hellen, weniger hellen oder unbeleuchteten Gegenständen, an die ich mich damals noch genau erinnern konnte, gab es nicht mehr. Ich sah eine Welt, die ganz in Licht getaucht war, die durch das Licht und vom Licht her lebte.

Dann die Entdeckung, wie das Licht vertrieben wird, wie der Mensch seine innere Sehfähigkeit verliert:

Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte. Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte die Angst: Sie machte mich blind. Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. Eine Minute vorher kannte ich noch genau den Platz, den alle Gegenstände im Zimmer einnahmen, doch wenn mich der Zorn überkam, zürnten die Dinge mehr noch als ich; sie verkrochen sich in ganz unerwartete Winkel, verwirrten sich, kippten um, lallten wie Verrückte und blickten wild um sich. Ich aber wußte nicht mehr, worauf meine Hand legen, meinen Fuß setzen, überall tat ich mir weh. Dieser Mechanismus funktionierte so gut, daß ich vorsichtig wurde.

Wenn mich beim Spiel mit meinen kleinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden Preis als erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Die schlimmsten Folgen aber hatte die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, mißgünstig oder gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, daß ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? Was brauchte ich einen Moralkodex, da ich doch in mir ein solches Instrument besaß, das „Rotlicht“ und“ Grünlicht“ gab: Ich wußte immer, wo man gehen durfte und wo nicht. Ich hatte nur auf das große Lichtsignal zu sehen, das mich lehrte zu leben. (Hervorhebung von mir)

Ich hatte keine Angst. Andere würden sagen, ich hatte den Glauben. Wie hätte ich ihn nicht haben sollen – vor diesem sich ständig erneuernden Wunder.

Aus dem Buch: Die heilige Matrix, von Dieter Duhm