Gemeinschaften sind heutzutage in Verruf gekommen. Man glaubt, sie vertrügen sich nicht mit entwickelter Individualität. Es gehört zu den Glaubenssätzen vor allem der westlichen Welt, dass Individualität und Kollektiv zwei unversöhnliche Gegensätze seien. In Wirklichkeit ist die Sache viel differenzierter.

Die Natur erzeugt tatsächlich kollektivistische Gemeinschaften, in denen das Individuum kaum eine Rolle spielt (Tierherden etc.). Sie erzeugt aber auch Gemeinschaften, in denen die Entwicklung eines hochspezifischen Individuums die Voraussetzung ist für das Funktionieren der Gemeinschaft (Biotope etc.). Ich nenne sie die „kommunitären“ Gemeinschaften. Wenn sich die Menschen unserer Zeit gegen Gemeinschaften wehren, dann denken sie an kollektivistische, nicht an kommunitäre Gemeinschaftsformen. Tatsächlich gab es in der bisherigen Geschichte des Menschen fast nur kollektivistische Gemeinschaften. Die Entwicklung des Individuums, der geschichtliche Individuationsprozess, war noch nicht weit genug fortgeschritten, um kommunitäre Gemeinschaften zu ermöglichen.
Die universelle Gemeinschaft ist eine kommunitäre Gemeinschaft. Sie lässt sich vergleichen mit einem Organismus; die einzelnen Menschen sind seine Organe. Die Organe eines gesunden Organismus haben verschiedene Aufgaben und Funktionen, die Leber handelt anders als die Niere. Der Organismus ist ein einheitliches System, die Organe aber sind gekennzeichnet durch Individualität und Unterschiedlichkeit. Die Einheitlichkeit des Organismus wird erreicht durch die Individualität und Unterschiedlichkeit der Organe. Das heißt mit anderen Worten: Nur bei voller Ausbildung der Individualitäten kann eine gesunde Gemeinschaft entstehen. Gemeinschaft und Individuum sind keine Gegensätze, sondern sie bedingen einander. Die Bedingung der universellen Gemeinschaft ist das autonome Individuum, die Bedingung für das autonome Individuum ist die Gemeinschaft. Das ist die natürliche Ordnung der Dinge im Bauplan der Schöpfung.
Der Aufbau überlebensfähiger Zukunftsgemeinschaften hängt immer zusammen mit der Selbstentwicklung der daran beteiligten Individuen. Je mehr sie ihre Individualität entwickeln, je weniger sie sich fremdbestimmen lassen durch vorgefasste Dogmen und falsche Autoritäten, desto leichter erkennen sie ihre Entwicklungschance in der Gemeinschaft. Eine tiefgehende Individuation führt jeden Menschen irgendwann dazu, sich nicht mehr privat zu sehen, sondern als organisches Element einer Menschengemeinschaft. Denn in der Individuation erfährt der Mensch nicht nur das, was ihn von anderen trennt, sondern auch das, was ihn auf einer viel tieferen Ebene mit ihnen verbindet. Er wagt es, dies wieder zu entdecken und anzunehmen. Als Individuum findet er seine universelle Dimension, als Einzelmensch seinen Zusammenhang mit dem All-Gemeinen.
Ohne Individuation entsteht kein gesunder Organismus, sondern ein gleichgeschalteter Kollektivismus, wo individuelle Unterschiede nicht gefördert, sondern nivelliert werden. Kollektivistische Systeme dulden keine individuelle Autonomie, sie bekämpfen im Inneren und Äußeren alles, was nicht in ihre Ideologie passt. Der Vorgang der Individuation muss unterdrückt werden, weil er den vorgeschriebenen Uniformismus stören würde. Der innere Zusammenhalt wird erreicht durch die Abgrenzung gegen andere und den Kampf gegen die sogenannten „Feinde“. So entstanden die grausamen kollektivistischen Systeme der Geschichte bis in die jüngste Vergangenheit: christliche Kirche, islamischer Fundamentalismus, orthodoxer Kommunismus, Nationalsozialismus, jede Art von Rassismus, aber auch solche Dinge wie „Parteilinie“, „gesundes Volksempfinden“ und bürgerliche Sexualmoral. Heute wird der Kollektivmensch auf andere Symbole – Symbole von Mode, Lifestyle, Konsum und Kommerz – eingeschworen, aber das Prinzip bleibt dasselbe.
Wir stehen heute in der Gemeinschaftsbildung an einem geschichtlichen Wendepunkt. Die alten Strukturen taugen nicht mehr, die neuen müssen erst gefunden werden. Von ihrer Entwicklung wird es abhängen, ob der Mensch die grundlegenden Werte des Zusammenlebens – Wahrheit, Vertrauen, Solidarität und gegenseitige Unterstützung – wieder zu sich holen wird. Die funktionierende Gemeinschaft autonomer Individuen ist die Grundlage einer humanen Welt. In ihr wird sich auch die Liebe – die seelische wie die sinnliche – auf neue Weise entwickeln können, denn die personale Liebe beginnt dort zu blühen, wo wir uns gegenseitig in unserer Eigentümlichkeit und Individualität zu erkennen beginnen. Eine reife Gemeinschaft wird diese Liebe immer schützen.

Aus dem Buch: Dieter Duhm: Die heilige Matrix