(Der Text zum Hören in unserem Podcast)

Die Heilung der Liebe ist nicht beschränkt auf die geschlechtliche Liebe. Sie umfasst auch ein neues Verhältnis zu allen Mitgeschöpfen. Wir brauchen eine neue Einordnung unserer Menschenwelt in die Gesamtwelt des Lebens, um uns vom Urschmerz der Trennung zu heilen. Letztlich geht es um die Wiederverbindung mit „Omega“, dem göttlichen Zentrum aller Dinge. In der „Begegnung von Zentrum zu Zentrum vollzieht sich die Liebe“ (Teilhard de Chardin). Je mehr sich unsere Augen öffnen, desto mehr sehen wir im Liebespartner die Umrisse eines heiligen Wesens. Wir können es das „Christuswesen“ nennen. Ich habe festgestellt, dass dieses Wesen überall durchscheint, wo Vertrauen entsteht. Jede menschliche Seele scheint dieses Wesen als eigenen entelechialen Kern (Zielgestalt) in sich zu tragen. Gesehen werden heißt in diesem Sinne geliebt werden.
Die Gemeinschaften der Zukunft könnten aus Menschen bestehen, die diese Gestalt aneinander gesehen haben. Zwischen ihnen kann es keine Feindschaft geben. Tatsächlich war es diese innere Gestalt, die wir alle in der glückseligen Zeit der ersten Liebe aneinander entdeckt hatten. Für den jungen Mann ist das umschwärmte Mädchen der pure Himmel: „Errötend folgt er ihren Spuren und ist von ihrem Gruß beglückt …“ Wir haben in solchen Erlebnissen etwas aufeinander projiziert, was tatsächlich in uns war. Wir haben einander verklärt, und in dieser Verklärung steckte die Ahnung einer kommenden Wollust, einer körperlichen und einer seelischen. Nach allen Enttäuschungen haben wir immer wieder die Möglichkeit, uns zu dieser Gestalt der Liebe emporzuarbeiten, bis wir keine Projektion mehr brauchen, weil sie sich in realer Liebe verwirklicht hat.

(Auszug aus dem Buch “Und sie erkannten sich” von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels)