Freie Rede

Gnade ist ein entscheidendes Thema. Wir Menschen sind voll von Schuldgefühlen. Wir haben schon wieder eine Sünde begangen, schon wieder geraucht, obwohl man sich vorgenommen hat, es nicht zu tun, schon wieder jemandem, den man gerne gehabt hätte, etwas vorgelogen in der Liebe, und so weiter. Und dabei möchte man doch irgendwie ein guter Mensch werden. Doch es gibt Momente, in denen uns diese Missetaten einholen. Wir bekommen ein Sündengefühl, ein schlechtes Gewissen. Dieses schlechte Gewissen in uns ist eine Dauerstruktur. Es gibt kaum eine Sekunde in unserem Leben, wo nicht auch ein latentes schlechtes Gewissen in uns ist. Hätten wir dieses schlechte Gewissen nicht, g.be es keine Angst, von irgendeiner Macht der Welt verurteilt zu werden. Es gäbe keine Richterblicke, vor denen wir uns verantworten müssten.

Heilung und Befreiung heißt, ganz aufzuräumen mit diesen Resten von Schuldgefühlen. Und dazu ist es gut, etwas zu wissen: Es kann nämlich sein, dass ich die Fehler, die ich mache, gewissenhaft erkenne und korrigiere, und trotzdem noch ein schlechtes Gewissen in mir bleibt. Das ist so, weil ich noch nicht verstanden habe, was Gnade bedeutet.

Die Heilkraft der göttlichen Welt ist überall. Sie ist in unseren Zellen, sie ist in jeder Blume, sie ist im Orgon des Lebens, in der Luft, sie ist im Regen und in der Sonne. Wir denken, wenn wir etwas Böses gemacht haben, wird uns die Heilkraft nicht zuteil. Ein Beispiel: Stellt euch vor, ihr seid in einem Raum, in dem eine sehr, sehr schöne Musik gespielt wird, die das Herz beschwingt und einen zur Liebe veranlasst. Doch plötzlich geschieht etwas, das einen verwickelt in Wut, in Angst, in Schuldgefühle. Man macht etwas Falsches, fängt an zu toben, zu lügen, zu schreien und man verrät alles, was man bisher geliebt hat – das tun wir alle gelegentlich, mit Gedanken oder Taten – und dann verstricken wir uns in ein Schuldgefühl, in ein negatives Selbstwertgefühl und zwar so stark, dass wir die Musik nicht mehr hören. Und wenn wir dann auf einmal aus diesem Film erwachen, merken wir, die Musik läuft ja immer noch. Die Musik hat man uns nicht weggenommen. Das ist eine Sensation! Ich muss nicht auf büßenden Knien zu der Musik hin robben. Ich kann aufrechten Ganges hingehen und horchen. Dieses Beispiel kann man nicht oft genug anschauen, um es zu verstehen.

Schuldverschiebung

Und jetzt kommt das Schlusskapitel von dieser Geschichte. Und da wird es für die Menschheit in unserer Zeit besonders schwer. Es heißt: Ich kann nur an diese Gnade der Vergebung glauben, wenn ich selber vergebe. Ich kann nicht an diese Gnade glauben, wenn ich bewusst oder unbewusst Schuld auf andere projiziere, zum Beispiel auf eine Gemeinschaft oder auf meinen Liebespartner. Das ist das Problem. Wenn wir jemals wieder ins Reine kommen wollen mit uns und mit der Liebe und mit der Heilkraft des Lebens, dann müssen wir diese Schuldprojektion erkennen und ausräumen. Viele Menschen k.nnen solche Worte, wie ich sie jetzt spreche, gar nicht aufnehmen, weil sie latent in der Schuldprojektion leben, das heißt, sie verschieben die Schuld ganz automatisch auf andere Menschen.

Sie denken: „Dieser Person verzeihe ich nie … Sie darf mir nie mehr über den Weg laufen … Der werde ich nie mehr die Hand geben.“ In diesem Zustand ist man nicht empfänglich für die Botschaft der Vergebung, denn man selber ist ja gar nicht in der Disposition, Liebe oder Versöhnung weiter zu geben.

Das ist die Mauer: Ich bin SAUER. Das ist tief.

Man sollte sich einmal überlegen, mit welchem Rechtsanspruch man sauer ist. Länger als drei Minuten mit saurem Gesicht durch die Welt zu laufen, sollte man sich aus Gründen der Erkenntnis verbieten. Statt sauer zu sein, erkenne doch den Fehler, den du gerade gemacht hast, und korrigiere ihn. Sauer sein ist ein Mittel des Kriegs gegen sich und vor allem gegen andere. Und wer latent in einer Dauerstruktur einer Säuernis lebt, ist nicht empfangsbereit für die Liebe, ist nicht empfangsbereit für das Wunder der Gnade. Das ist genau so einfach, wie es logisch ist. Und dann bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, in sich aufzuräumen, was es hei.t, sich Plätze der Besinnung aufzubauen und sie regelmäßig aufzusuchen, um sich dort wieder zu erinnern an die Prinzipien der Liebe. Denn alles, was wir im Leben lernen, läuft letztlich darauf hinaus, die Liebe zu lernen.