Nach dem Abkommen von Sotschi lese ich in den offiziellen deutschen Nachrichten die Erklärung eines Nahost-Experten zur Lage in „Nordsyrien“ (sie verschweigen ja den Namen Rojava): Die Kurden sind die ganz großen Verlierer. Sie hatten über sieben Jahre eine sehr weitgehende Autonomie im Nordosten des Landes aufgebaut. Jetzt müssen sie viele Gebiete an ihrer Nordgrenze abgeben – an die Türken, an die Russen, an die syrischen Hilfstruppen der Türken und auch an das Regime. Und sie verlieren auch faktisch ihre Autonomie. Es wird sicherlich noch einige Jahre dauern, bis das syrische Regime dort die Kontrolle wieder voll hergestellt hat, aber ich gehe davon aus, dass die syrisch-kurdische Autonomie am Ende ist.

Der Schmerz, den diese Nachricht in mir auslöst, ist beinahe unerträglich. Es wäre eine Erleichterung, ihn jetzt in eine emotionelle oder körperliche Reaktion zu verwandeln. Aber es hat keinen Sinn zu schreien oder sich in einer ohnmächtigen Wut zu verlieren. Die großen Verlierer sind die Kurden. Wie es ihnen jetzt wohl geht? Wie groß ist der Schmerz, denn sie jetzt aushalten müssen? Sie haben die politischen Verhältnisse wahrscheinlich immer durchschaut, sie werden nicht überrascht sein von dem internationalen Verrat, der gerade an ihnen begangen wurde. Trotzdem. Sieben Jahre Autonomie. Das waren für beinahe 5 Millionen Menschen sieben Jahre eines vielleicht nicht immer einfachen, aber starken Aufbruchs. Sie haben sich mit voller Kraft und Elan eingesetzt für eine Zukunft, an die sie wieder glauben wollten. Jetzt ist ihr Vorhaben zusammengebrochen. Wieder einmal erscheint ein Versuch, sich aus den Klauen des Kapitalismus zu befreien, gescheitert. Ein weiteres Stück Glaube ging verloren, nicht nur für sie, für alle, die sich einsetzen für eine lebenswerte Zukunft.

Hinter der Fähigkeit der Kurden, sich im politischen Vakuum von Syrien zu organisieren, lag ihre Auseinandersetzung mit einer neuen Gesellschaftsordnung. Ihre Autonomie bestand im Aufbau eines Systems, in der die Natur und ihre Geschöpfe wieder geachtet, geliebt und gepflegt werden sollten. Sie haben den Frauen eine hohe Stellung und Autorität in der Gesellschaft übertragen, eine dezentrale Leitungsstruktur aufgebaut, Toleranz und Nächstenliebe gegenüber anderen Kulturen und Religionen praktiziert. Unzählige Binnenflüchtlinge aus dem Süden Syriens fanden in ihrem Gebiet Schutz und eine würdige Bleibe. Jetzt soll „…die Kontrolle wieder hergestellt werden.“ Was für ein Zynismus.

All das wurde in Gang gesetzt durch den Handschlag zweier Männer, die schon lange nicht mehr wissen, was Liebe ist. Doch hüten wir uns, ihnen die alleinige Schuld zuzuschieben. Denn, und jetzt kommt ein (noch) unverständlicher Satz: Wir, die wir außerhalb des Konfliktgebietes leben, hätten das verhindern können und können es vielleicht immer noch.

Ich schreibe diese Zeilen in einem kleinen Ort an der portugiesischen Küste, Tausende Kilometer entfernt vom Kriegsgebiet in Rojava. Ich schaue aufs offene Meer, auf die heran rollenden Wellen und die schimmernden Blautöne des Wassers. Ich verbringe hier einige Tage, um mich wieder auf die Arbeit an dem Buch zu konzentrieren, in dem ich ein Konzept zur Heilung von Mensch und Erde wiedergeben will. Friede umgibt mich, eine Schwingung von Ewigkeit. Ich denke an Rojava. Das Buch soll dazu beitragen, weltweit Hoffnung und Glauben aufzubauen, eine globale Tatkraft auf ein gemeinsames Ziel auszurichten. Ich stütze mich dabei auf ein Konzept von Dieter Duhm, einem genialen Denker, Strategen und Tiefenkenner von Mensch und Wirklichkeit. Es ist das revolutionärste Konzept, das ich bisher kenne. Doch die aktuellen Geschehnisse zwingen mich dazu, mich noch einmal zu überprüfen: Glaube ich wirklich an dieses Konzept? Glaube ich an mein Buchprojekt? Sind es die richtigen Texte und Worte, die ich wähle oder selbst schreibe?

Ich lasse die Fragen in mir schwingen, bis die Antwort eindeutig kommt: Ja, ich glaube an dieses Konzept, weil ich es verstehe. Ja, die Vision von einer Erde, die frei ist von Angst und Gewalt, der Traum von Abermillionen Menschen, kann auf diesem Wege Wirklichkeit werden.

Das Buch begründet auch, warum eine „kohärente Gruppe von Menschen“ irgendwo auf der Welt die Besetzung von Rojava hätte verändern können. Ich spreche im Konjunktiv, denn noch gibt es eine solche kohärente Gruppe nicht, noch wissen zu wenige Menschen, was überhaupt damit gemeint sein könnte. Noch ist nicht bekannt, welches Kraftpotential uns Menschen zur Verfügung stehen könnte, wenn wir uns intelligent zusammenschließen. Eine kohärente Gruppe ist das revolutionäre Subjekt der Zukunft. Ich kann nicht in wenigen Sätzen verständlich machen, warum und wie kohärente Gruppen globale Vorgänge beeinflussen können. Dazu müssen zu viele Grundgedanken bekannt gemacht werden. Deswegen ja das Buch!

Was ich aber sagen kann: Die Welt ist ein einheitliches Ganzes. Was wir hier tun, kann dort Wunder bewirken. Noch ist Rojava nicht verloren. Wir können und müssen helfen. Die Menschen in Rojava brauchen jetzt unsere internationale Solidarität und Anteilnahme. Ich rufe alle auf, sich am 2. November, dem „Tag des Widerstandes für Rojava“ (World Resistance Day for Rojava) die Zeit zu nehmen für ein Gebet, für eine Meditation oder Aktion. Ladet Freundinnen und Freunde dazu ein. Nehmt es nicht hin, was dort geschieht. Stellt euch vor, ihr wäret an deren Stelle. Was würdet ihr brauchen? Schickt den Menschen dort eure Zuversicht! Spannt eure Glaubenskraft auf, so weit ihr nur könnt! Wer immer politisch aktiv werden will und kann: geht an die Öffentlichkeit! Schließt euch dem Widerstand an.

Befreit Kurdistan! Befreit die Welt! Im Namen der Liebe.