Die moderne Zivilisation ist an ihrem Siedepunkt angelangt. Eine weitere Erhitzung, eine weitere Zunahme ihrer typischen Parameter – industrielles Wachstum, Rüstung, Umweltzerstörung, psychische Zerstörung – führt zu einem qualitativen Sprung vergleichbar etwa dem, der Wasser in Dampf verwandelt. Die Evolution des Menschen scheint unmittelbar vor einem Mutationssprung zu stehen. Für den Teil der Menschheit, der auf humane und intelligente Weise überleben will, gibt es ab jetzt ein Thema und eine Aufgabe: mitzuwirken am Übergang von der profitgesetzlichen zur lebensgesetzlichen Kulturepoche.

Der Gegensatz beider ist meistens diametral: Die meisten Einrichtungen, Organisationsformen und Verhaltensgewohnheiten der alten Zeit können deshalb nicht in die neue übernommen werden. Im Gegenteil, ihre Überwindung ist die Voraussetzung dafür, dass ein humanes Überleben überhaupt möglich wird. Dies gilt für die bestehenden Formen der Wirtschaft, des Städtebaus, der Energieversorgung und der Landschaftsgestaltung. Es gilt für fast die ganze Technologie, die sich schon wegen der ausgehenden Ressourcen in den nächsten Jahren auf ganz neue Materialien und Verfahren umgestellt haben muss. Es gilt drittens und vor allem für die interneren Bereiche unseres Lebens, für die emotionellen, sexuellen und spirituellen Umgangs- und Lebensformen, wo die inneren Anschlüsse des Menschen ans Lebendige stattfinden.

Wie soll der Übergang geschehen, und wer soll ihn vollziehen? Diese Fragen sind heute in einem Maße unbeantwortbar geworden, dass man zynisch werden könnte. Wohin mit den hypertrophierten Städten, Industriemonstern und Verkehrsanlagen, wenn sie in der kommenden Epoche nicht mehr gebraucht werden? Wer soll – und mit welcher politischen Vollmacht – eine dezentrale ökologische Gesellschaft aufbauen just zu dem Zeitpunkt, wo Produktion und Versorgung so zentralisiert sind wie nie zuvor? Wer entmachtet die Mächtigen, wer entmachtet das Geld, wer entmachtet die angeblichen Sachgesetzlichkeiten, wer entmachtet die Gepflogenheiten des sozialen Image, wer entmachtet die Alltagsgewohnheiten – auch die der sogenannten Systemgegner?

Wer? Diese Frage nach dem »revolutionären Subjekt« lässt sich heute nicht mehr in soziologischen oder politökonomischen Theoremen beantworten. Was heute in Wahrheit zur Revolution ansteht, ist genau jener »Innenteil« des Menschen und der Gesellschaft, der mit solchen Begriffen nicht zu fassen ist. Die »Entmachtungen«, um die es heute geht, finden auf völlig anderen Ebenen statt als auf denen, wo sich politische Polizei und Revolutionäre alten Typs bekämpfen. Es geht um die geistige, emotionelle und libidinöse Entmachtung eines bankrotten Lebenssystems, und jeder, der diesem System etwas Besseres entgegenhalten kann, trägt zu seiner Entmachtung bei. Damit solches Handeln nicht im Privaten steckenbleibt, damit es sich mit dem Handeln anderer sinnvoll verbinden kann und damit es schließlich zu einer zukunftsgestaltenden Kraft werden kann, bedarf es eines allgemeineren kulturellen und politischen Konzepts, worin eine entwicklungsfähige Gesamtalternative enthalten ist. Alle, die heute noch mitdenken, beginnen sich darauf zu einigen, dass in der gegenwärtigen Situation nichts wichtiger wäre als die Entwicklung einer positiven Gesamtalternative, verbunden mit einer neuen umfassenden und überzeugenden Kulturidee.

Jetzt nähern wir uns des Pudels Kern. Solche positiven Gesamtkonzepte sind so gut wie nicht vorhanden. Die Aktivisten der Widerstandsbewegungen wissen in der Regel viel besser, wogegen sie sind als wofür. Man soll sich hier nichts vormachen. Gewaltlosigkeit, Basisdemokratie, Dezentralisierung – das sind Parolen und noch keine wirklichen Willensbekundungen. Wenn jemand Basisdemokratie will, was will er oder sie dann wirklich, als Mensch? Erst, wenn wir uns selbst so weit kennen, dass wir mit einiger Sicherheit sagen können, was wir menschlich wollen, und erst wenn wir uns von unseren Ideologien so weit entbunden haben, dass wir uns darüber frei verständigen können, erst dann können wir kulturelle und politische Konzepte formulieren, die an unseren wirklichen Motiven nicht mehr vorbeigehen. Solange wir dies nicht können, gleicht die Szene zwei Wanderern, die durstend durch die Wüste laufen und über politische (oder moralische, oder religiöse) Fragen diskutieren. Plötzlich entdecken sie Wasser. Sie rennen los und saufen wie die Tiere. Das war es, was ihnen fehlte. Der Durst nach Wasser ist der Durst nach elementaren Lebenserfüllungen, nach Kontakt, Eros, Abenteuer, freiem Atem, Sinn, schöpferischer Verwirklichung, Selbstachtung und nach einem Leben, das man endlich bejahen kann. Wo sind die kulturellen Leitbilder und die politischen Ziele für diese Art von Durst? Nur für sie würde sich eine voller Einsatz lohnen. Die Transformation elementarer Seelenbedürfnisse des Individuums auf die allgemeinere Ebene eines neuen kulturellen und gesellschaftlichen Konzepts ist die dringlichste Aufgabe unserer Zeit.

Was die politische und menschliche Verständigung in unserer Zeit so schwer macht, ist vor allem die Tatsache, dass wir unter Hypnose stehen. Dazu gehört zum Beispiel die Gewohnheit, den Dingen, die uns bewegen, einen falschen Namen zu geben, um sie gesellschaftsfähiger zu machen. Man gibt vor, sich von gesellschaftlichen Autoritäten und Zwängen emanzipieren zu müssen. In Wahrheit gibt es überhaupt nur eine wirkliche Emanzipation, nämlich die vom eigenen Wahnsinn, der eigenen Projektion und der eigenen Angst. Man redet mit Ernst und Empörung von der Zerstörung der Natur durch den Menschen. Wirklich und nachhaltig leiden aber tut man meist an ganz anderen Dingen: an Kontaktstörungen, unschöpferischem Leben, Gefühlen von Angst, Sinnlosigkeit und allgemeiner Lebensunlust, an einem sich ständig erweiternden Formenkreis psychosomatischer Erkrankungen ohne spezifische Ursache.

Eine Kulturidee, die »ankommen« will, sollte in allererster Linie eine Antwort geben können auf das Existenzproblem des heutigen Menschen. Das Menschliche selbst, was immer es konkret bedeuten mag, ist das eigentliche Politikum unserer Zeit.

Es geht um Existentielles – das heißt: es geht um Basisveränderungen im emotionellen, sexuellen und geistigen Bereich. Um die herbeizuführen, bedarf es einer neuen Priorität in der Sicht der persönlichen Bedürfnisse, einer neuen Lebenspraxis und einer neuen Organisation der alltäglichen Dinge. Wer über dreißig wäre bereit dazu? Verbale Systemkritik, wie sie im intellektuellen Mittelbau unserer Gesellschaft üblich ist, geht meist einher mit angepasstester privater Lebensweise. Warum? Weil die Systemkritiker sich festgelegt haben auf ihre Dosis an Ehe, Komfort und sozialem Prestige – und somit natürlich auch auf ihre Dosis an Wahrheit bzw. Unwahrheit. Existentielle Unwahrheit gehört heute gerade in intellektuellen Kreisen zu den Kavaliersdelikten, über die man nicht spricht. Weil man sie mit der größten Selbstverständlichkeit auch beim Gesprächspartner voraussetzt.

Man bewegt sich auf Diskussionen und Kongressen in verbalen Immunisierungsstrategien, welche die Funktion haben, die Beteiligten vor Konsequenzen persönlicher Art zu schützen. Robert Jungk, der aufgrund seiner weltweiten journalistischen Tätigkeit und seiner offenen Antennen die Situation einigermaßen realistisch einschätzen konnte, hatte mir gesagt, dass es auf der ganzen Erde vielleicht zweitausend Menschen gibt, die engagiert und ungebunden genug sind, um ein Kulturprojekt wie das hier entworfene verwirklichen zu können. Aber das ist genug, fangen wir an! Sollte es gelingen, eine exemplarische Siedlung aufzubauen, wo die hier entworfenen Ideen realisiert sind, so hätte das einen Welleneffekt, der nicht mehr zu stoppen wäre. Die historische Luft ist reif dafür wie die Kristall-Lauge kurz vor der Kristallisation.