Wieviel sexueller Sadismus, wieviel Angst vor dem Weiblichen, wieviel ungelebte Sehnsucht steckt in der Geschichte des Mannes von der Zerstörung Trojas bis zur Neutronenbombe? Woran liegt es, dass der Krieg als Realität, die Liebe aber nur als Traum kultiviert werden konnte? Wieviel Hunger nach dem nichtgelebten Leben muss heute durch Alkohol, Medikamente und Konsum betäubt werden?
Das Unvermögen zu unmittelbarer Lebensverwirklichung führt zu einem Verlust der Selbstachtung. Im Verlust der Selbstachtung wurzelt der Verlust einer natürlichen sozialen Sittlichkeit. Die Menschen unserer Zeit sind im Dschungel ihrer Tarn- und Kompensationsmanöver steckengeblieben.
Hätten wir mehr seelisch potente Männer, so hätten wir auch mehr selbstbewusste Frauen (und umgekehrt). Sie alle möchten lieben und sich hingeben – aber an wen und an was?
Die Männerkultur unserer Zeit ist in ihren emotionellen Strukturen eine Kultur von Siebzehnjährigen. Die Frau als Partnerin ist noch gar nicht entdeckt… sie wird deshalb auch nicht ernstgenommen. Die Herstellung eines fundamental neuen geistigen, emotionellen, sexuellen und sozialen Verhältnisses der Geschlechter ist die erste Voraussetzung dafür, dass die Männer erwachsen werden und die Frauen ihre Abhängigkeit überwinden können.
Die psychologische Macht des Mannes über die Frau basiert auf seiner Gewohnheit zu ideologischer und moralischer Belehrung. Die psychologische Macht der Frau über den Mann basiert auf dessen sexuellen Ängsten und Projektionen. Da der patriarchalen Epoche die Gewohnheit innewohnte, Ängste durch Belehrung zu überwinden, haben die Männer in diesem Machtstreit einen faulen Sieg davon getragen.
Was für eine Hypnose und Desorientierung beherrscht heute immer noch das sexuelle Thema! Angstlose und somit freie Sexualität “ist” Liebe, sie braucht nicht erst durch Moral oder besondere Zärtlichkeit oder persönliche Versicherungen dazu gemacht zu werden. Wenn Sexualität nicht als Liebe erlebt wird, so liegt das nicht am Wesen der Sexualität, sondern an ihren aus der Unterdrückung kommenden Stauungen und Perversionen.
Wenn man klar mit sich selbst gewesen ist und eines Tages merkt, dass man sich nichts mehr vorzuwerfen braucht, dass man nichts mehr verstecken muss und nicht mehr zu lügen braucht, dann hat man’s. Die Befreiung von tief eingefleischten Angst- und Schuldgefühlen ist die erste Voraussetzung für ein schöpferisches, energetisches und identisches Leben. Das Prinzip Angst ist der lähmende und alles zerstörende Gegensatz zum Prinzip Liebe. Es kann aber von diesem überwunden werden.
Der Einzelne wird dann bereit sein, in seinem Leben aufs Ganze zu gehen, wenn er die Spur seiner innersten Leidenschaft gefunden hat, von der ein östlicher Weiser sagte: »Tao ist der Weg, den man nicht mehr verlassen kann… der Weg, den man verlassen kann, ist nicht Tao.« Im Finden und Befolgen dieser Spur vollzieht sich ein psychischer Wandel, welcher radikal herausführen kann aus allen bisherigen Ängsten und Gewohnheiten, auch ein Wandel in der Beziehung zum eigenen Leiden. Jeder Bohnenkeimling sprengt sein Haus, wenn er ans Licht will. In der Kraft seines Wachstums und Werdens kümmert sich der Genesende nicht um das Schicksal seiner eigenen Häute. – Von dieser Tiefe her ist heute Kultur und Politik zu entwerfen.

Aus dem Buch: Dieter Duhm: Aufbruch zur neuen Kultur – von der Verweigerung zur Neugestaltung