Der alte Gedanke der »konkreten Utopie« hatte vielleicht nie eine solche geschichtliche, politische und psychologische Aktualität wie heute. Der Entwurf einer wünschenswerten Zukunft, die für eine wachsende Zahl von Menschen plausibel und realistisch erscheint, steht heute auf der geschichtlichen Tagesordnung wie kein anderes Problem. Zigtausende stünden bereit, um sich an entsprechenden Experimenten zu beteiligen, sobald deren positive Möglichkeiten sichtbar geworden sind. »Aussteigen« würde dann bedeuten, in etwas anderes, Sinnvolleres und Lohnenderes einzusteigen. Aber ein solcher Durchbruch der konkreten Utopie, eine solche lustvolle Vereinigung der Willenskräfte für einen kulturellen Neuaufbau kann nicht gelingen, solange das unbewältigte »menschliche Problem« überall im Weg steht.

Weil der Mensch ein Mensch ist, wird er auf die Dauer nur eine solche Kultur lieben und bejahen können, die ihn in seiner bedürftigen seelischen und leiblichen Existenz akzeptiert und bestätigt. Erst dann wird er sich auch voll und ganz und ohne falschen Heiligenschein einsetzen können für Dinge, die über seine bloße Bedürftigkeit hinausgehen. Das ist ein Grundgesetz, an dessen Nichtbeachtung bislang so ziemlich jeder Humanisierungsversuch gescheitert ist.
Solche einfachen Wahrheiten, wenn sie einmal ausgesprochen sind, erzeugen in der Regel einen wahren Tumult an Fragen und Zweifeln. Auf einmal werden die wirklichen Ängste und Probleme sichtbar. Was geschieht mit den Dicken, mit den Unansehnlichen und Missgestalteten? Wer akzeptiert die Zwangsneurotiker, die chronischen Besserwisser und Querulanten, und welche Art von Bestätigung könnte den sexuellen Perversionen zuteil werden?
Eine neue Kultur wird dann erst »stimmen« und lebensfähig sein können, wenn sie in aller existentiellen Klarheit ein Konzept vertreten kann, das auf solche und viele andere Fragen eine befriedigende Antwort gibt. Ein solches Konzept entsteht nicht am Schreibtisch und nicht aus den Erfahrun­gen der bürgerlichen Gesellschaft. Es kann sich keiner alten Worte bedienen und wird auch den bestehenden Theorien keine neue hinzufügen. Es ist niemals fertig. Es ist überall dort in Entstehung, wo Menschen dabei sind, mit sich und anderen neue substanzielle Erfahrungen zu machen. Es entsteht bereits an vielen Orten der Erde, wenn auch noch sehr widersprüchlich und fragmentarisch.
Man muss diese Zentren aus eigener Erfahrung kennen, um das Eigentliche sehen zu können, um das es dort geht. Das Eigentliche: das ist auf jeden Fall eine Ebene, wo es nicht mehr um verbale Auseinandersetzungen geht, sondern um neue Erfahrungen… wo die beliebten Fragen der Macht und Autorität, der Individualität und Autonomie, der Demokratie und Gewaltlosigkeit, der Moral und der Sexualität zuerst einmal radikal herausgelöst werden müssen aus allen intellektuellen Gewohnheitsspielchen, um dann auf der Basis eigener Selbsterfahrung und eigener Gemeinschaftserfahrung gänzlich neu gesehen werden zu können. Die Idee für eine neue Kultur ergibt sich aus einem neue Sehen der Dinge, und dieses neuen Sehen ist immer das Ergebnis einer neuen Basiserfahrung. Zu errichten sind für die Alternativbewegung innere Stützpunkte und Zentren, wo solche neuen Basiserfahrungen für eine neue Kultur gemacht werden können.

Aus dem Buch: Aufbruch zu einer neuen Kultur, 1982