Stell’ dir vor, du wachst eines Morgens auf und merkst, dass du keine Angst und keinen Hass mehr in dir hast. Du erinnerst dich an die gewohnheitsmäßigen Sorgen der letzten Jahre, aber du hast sie nicht mehr. Die Vergangenheit ist in dir als ein Schatz von Erfahrung und Wissen, aber nicht mehr als Emotion und nicht mehr als irgendeine Quelle des Schmerzes. Du denkst zurück an deine Freunde und Beziehungen, an geglückte oder missglückte Erlebnisse, aber du brauchst dich für nichts mehr zu verteidigen, denn es bedroht dich nichts mehr. Du siehst deine früheren Freunde und Freundinnen so wie damals, als du sie geliebt hast, und du merkst, dass du sie eigentlich auch jetzt noch liebst. Du würdest dich freuen, sie wiederzusehen, denn alle Verwicklungen von Angst, Schuld, Rechtfertigung und Kampf sind von dir abgefallen. Du erinnerst dich genau und weißt, was geschehen ist, aber in deiner Seele und deinem Leib ist keine Angst mehr und auch kein Hass, denn der ist auch nur aus der Angst entstanden. Du siehst mit klarem Blick diese ganzen Zusammenhänge, aber du grübelst nicht darüber nach, denn es gibt jetzt nichts weiter zu erklären, zu lösen oder zu problematisieren. Die aufgehende Sonne trifft dich über dem Nebel deiner früheren Verwicklungen. Du bist jetzt erfüllt von dieser leuchtenden Welt, die bis heute unbeirrbar durchgehalten hat. Ein wortloses Gefühl von Dank und Liebe erfüllt dich so sehr, dass dir selbst die Zigarette komisch vorkommt, zu der du sonst gewohnheitsmäßig gegriffen hättest. Irgendwie kennst du diesen Zustand vollkommener Gesundheit; es ist wunderbar, dass er jetzt – nach so vielen durchkämpft en Jahren und Jahrzehnten – wieder da ist.

Dies sind Augenblicke in unserem Leben, wo die Vision einer anderen Daseinsmöglichkeit so real und konkret in unser Dasein hereinleuchtet, dass wir nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen können. Das Erlebte ist Realität. Es gibt ein Leben ohne Angst; es gibt neben allen Zerrissenheiten eine heile Welt, es gibt den Gnadenstand der Liebe. Das Universum aller Dinge ist so eingerichtet, dass es diese Möglichkeit für uns bereithält. Alle, die diesen Zustand erfahren haben, können es bezeugen. Es gibt eine Wahrnehmung, wo uns die Dinge als Geschenk entgegenkommen.

Wo keine Angst mehr ist, da ist auch kein zehrendes Verlangen und keine Bedürftigkeit der alten Art, auch kein Zwang zur inneren Reaktion. Man strahlt etwas aus, das einen schützt, und in diesem Schutz handelt man mit einer Leichtigkeit, die alle Barrieren überwindet. Auch gegenüber den attraktivsten Vertretern des anderen (oder gleichen) Geschlechts. Wenn da keine Angst und keine Barriere mehr ist, dann entsteht pure Freude. Was haben wir problematisieren müssen, wenn es um erotische Kontaktaufnahme ging! Jetzt geschieht sie ohne besondere Absicht von selbst.

Ein östliches Sprichwort sagt: Schwierigkeiten werden durch Leichtigkeit überwunden. Wenn diese Leichtigkeit da ist, sind die Schwierigkeiten weg. Dann offenbart sich diese Welt in ihren eigentlichen Möglichkeiten. Schwierigkeiten haben mit Schwere zu tun, und schwer sind wir, wenn wir in entsprechenden Energien stecken. Aber jetzt, wo diese Energien von uns abgefallen sind, stehen wir fest und sicher außerhalb dieser Projektionswelt. Wir haben keinen Grund zur Angst, denn wir sind beschützt, und wir haben auch keinen Grund zur Wut, denn im liebenden Zustand verurteilt man nicht, man braucht keinen Ingrimm in sich hineinzuschieben, denn man hat ja die Freiheit, angstlos zu handeln.

Bist du einmal abends auf eine Hafenmole hinausgelaufen und dort einer Frau begegnet, die genauso allein war wie du? Ist es nicht komisch, dann wortlos aneinander vorbeizugehen? Hat man nicht hinterher ein ungutes Gefühl, fast ein schlechtes Gewissen? Hätte man sich nicht in einer freieren Welt einfach neben sie gestellt und mit ihr zusammen aufs Meer geschaut? Und wenn man dann, in dieser Umfangenheit der Elemente, dem selbstverständlichen Eros gefolgt wäre und wenn sie keinen Mann hätte, der argwöhnisch in der nächsten Taverne auf sie warten würde, würde man so einen Kontakt hinterher bereuen müssen? Ist nicht diese ganze Welt eine Liebesaffäre, wenn wir sie nicht einspannen in unsere ängstlichen Regeln? Könnten nicht viele Männer und Frauen mit glücklicheren Augen in die Welt schauen, wenn solche Kontakte natürlicher und selbstverständlicher wären?

Muss man bei der Kassiererin im Supermarkt wirklich nur bezahlen? Muss ich es immer wieder unterdrücken, dass ich auch ihren Hals und ihre Brüste wahrnehme? Es geht gewiss nicht immer gleich um Sex, aber es geht um dieEntfernung jenes inneren Riegels, welcher den eigentlichen menschlichen und sinnlichen Kontakt versperrt. Überall, überall. Wir haben uns so gewöhnt an die Verheimlichung, dass wir es kaum noch merken. Wir bauen einen Schein auf, der uns am Leben und an der Liebe hindert. Wir leben in einer echten Scheinwelt.

Die Erlösung des Eros ist die selbstverständliche Offenbarung des sexuellen Interesses. Je selbstverständlicher sie geschieht, um so identischer werden wir mit uns selbst. Und je identischer wir mit uns selbst werden, um so weniger Angst flößen wir den anderen ein.

Liebende Menschen, welche die Angst überwunden haben, haben keine Zäune und keine Masken mehr. Wie freundlich sie einem entgegenkommen! Die Welt, die befreit ist von Zäunen, ist eine Liebesaffäre. Es gibt nicht den geringsten Zweifel an der Realität dieser Wahrnehmung. Es ist wie das Erwachen aus einem langen Alptraum. Und wieder staunen wir über jene Verkleinerung des Lebens, die wir in den alten Strukturen von Abriegelung und Eifersucht als „Normalität” empfunden haben. Diese Art von Offenbarung ist wie ein Wunder, und das Glaubhafte dieses Wunders liegt darin, dass wir es im Innersten schon kennen. Aufgewacht in einer größeren Daseinsmöglichkeit sehen wir Gedanken und Bilder, die uns so vertraut sind wie unser Eigenstes.

Wir haben uns im Namen der Liebe zu arrangieren mit der elementarsten Tatsache, dass wir sexuelle Wesen sind.Wir haben im Namen der Liebe die Aufgabe, die Sexualität von allem Schutt und aller Bosheit zu befreien, damit sie das bewirken kann, was in ihr angelegt ist: die Freude der Geschlechter aneinander und die Auferstehung der Liebe auf unserem Planeten. Im Namen der Wärme für alles, was Haut und Fell hat und im Namen aller Kinder.

Aus dem Buch: Der unerlöste Eros. Von Dieter Duhm