(Aerial Action in Tamera für Frieden in Gaza)

Bethlehem, eine Wohnstätte Gottes

Bethlehem. Im Stall zu Bethlehem wurde das Christuskind geboren. Noch heute klingt mir das Kirchenlied aus meiner Kindheit in den Ohren nach: „Dort liegt er elend, nackt und bloß, der Schöpfer aller Ding.“
Von niemandem erkannt, von der Kultur geächtet, erblickte der Sohn Gottes das Licht der Welt. Wann werden wir in der Lage sein, die Kinder Gottes zu erkennen und ihnen gebührende Wohnstätten zu errichten?

Solange unsere Kultur nicht dieses göttliche Licht beheimaten kann, ist es besser, unser Haupt unter den Flüchtlingen und Vertriebenen zu betten. Unter den Brücken, auf den Steinböden von Versammlungsräumen. Orte, an denen Menschen über mehr Gerechtigkeit nachdachten, sei mein Zuhause.
Orte, an denen das Leben selbst seine uneingeschränkte Daseinsberechtigung hat, mögen Wegweiser sein.
Hier finde ich mehr Heimat und Schutz und kosmische Geborgenheit.
Wann wird es gelingen zu erkennen?
Wann wird nicht nur ein Mensch zum Gott erhöht, sondern wann erblickt eine göttliche Kultur das Licht der Welt?
Wann werden unserer Häuser zu wahren Wohnstätten der göttlichen Natur des Menschen? Wann errichten wir die Häuser, in denen Wahrheit und Vertrauen Regie führen, offenen Geistes für unsere Gäste, die uns suchen, Häuser der Festlichkeit und Zelebration, zu Ehren der Schöpfung?

Oh, Bethlehem, du Haus Gottes,
hinter all deinen Kriegsfassaden,
hinter Panzern und versteckten Bomben,
wo selbst auf diejenigen, die sich in deiner Geburtskirche verschanzten, geschossen wurde.
Hinter all dem Morden und Blutvergießen
habe ich doch den Glanz der Hoffnung nicht verloren,
der mich leitet,
und ich bin bereit,
auf diese Stimme in meinem Innern zu horchen
und mich von ihr leiten zu lassen.

Schenke uns Herberge
und lass die Macht der Liebe in uns aufleuchten, so dass sie nimmer erlischt.

Holy Land Trust und Sami Awad

In Bethlehem befindet sich der Sitz des Holy Land Trust, einer palästinensischen Organisation für Gewaltfreiheit und unser wichtigster Partner in der Westbank für die Organisation der Pilgerreise. Ihr Direktor ist Sami Awad, ein wunderbarer Mensch, mit dem sich die Freundschaft und Zusammenarbeit immer mehr vertieft.
Sami Awad, 34, ist christlicher Palästinenser und Sohn von Flüchtlingen. Schon seine Familie war dem Gedanken der Gewaltfreiheit verpflichtet. Sein Onkel Mubarak Awad ist eine Symbolfigur im palästinensischen Widerstand, musste aber in die USA emigrieren, um dem Gefängnis zu entgehen. Samis Familie stammt aus Jerusalem und wurde während der Naghba 1948 von dort vertrieben. Ihnen ist es seit vielen Jahren verboten, Jerusalem zu betreten. Samis Vater, ein christlicher Prediger, lebte im Flüchtlingslager in Bethlehem und ging später mit seiner Frau in die USA, wo Sami geboren wurde. Mit ihm kehrte die Familie schließlich zurück nach Bethlehem. In den Achtziger Jahren begann die Intifada. „Es war ein hauptsächlich gewaltfreier palästinensischer Aufstand“, sagt Sami Awad. „Auch wenn in den Medien fast nur die Steinewerfer gezeigt wurden. Die Intifada hat der Welt bewusst gemacht, dass es Palästinenser gibt und dass ihre Situation unerträglich ist.“
Als Jugendlicher folgte Sami Awad den Idealen seines Onkels Mubarak und verteilte illegal Flugblätter für gewaltfreie Aktion. Mehrmals geriet er in Konflikt mit israelischen Soldaten. Um Gefängnis zu vermeiden, schickte ihn seine Familie nach Washington, wo er Frieden und Konfliktlösung studierte. Als Trainer für Gewaltfreiheit kehrte er nach Bethlehem zurück. Seine Schüler sind Polizeieinheiten, Parteien, ganze Dörfer.
Sami Awad: „Meine Arbeit besteht darin, Menschen und Gemeinden zur Gewaltfreiheit zu ermächtigen. Viele Palästinenser glauben zunächst, dass Gewaltfreiheit bedeutet, sich mit dem Unrecht abzufinden und keinen Widerstand zu leisten. Aber Gewaltfreiheit ist ein viel mächtigeres Instrument, um die Besatzung zu beenden. Gandhi ist ein Beispiel dafür. Je mehr man sich von der Angst lösen kann, um so mehr ist man in der Lage, wirklich gewaltfrei zu agieren. Man stelle sich vor, an einem bestimmten Tag würden alle 4 Millionen Bewohner aller palästinensischen Flüchtlingslager gleichzeitig ihre Lager verlassen und nach hause gehen. Sie würden strikt ohne Gewalt vorgehen. Sie hätten jede Angst abgelegt. Wer könnte sie aufhalten?“
Von Sami Awad stammt auch der Gedanke: „Die Besatzung zu beenden, ist eine Kleinigkeit gegen die Aufgabe, die dann auf uns zukommt: ein freies, friedliches und demokratisches Palästina aufzubauen.“ Er setzt dafür auf die Ermächtigung und Stärkung der ursprünglichen palästinensischen Dorfgesellschaft, die besonders unter der Besatzung und dem Mauerbau leidet. „Hier liegen die Wurzeln der palästinensischen Gesellschaft, und sie müssen wir stärken.“ Sami Awad wünscht sich die enge Kooperation mit Tamera im Plan der Friedensdörfer, um auch in Palästina moderne Beispiele für ein ökologisches, autarkes und gemeinschaftliches Dorfleben sichtbar zu machen. Seine Auffassung von christlicher Nächstenliebe berührt mich ebenfalls sehr.
„Die Quelle der Gewaltfreiheit ist die Liebe. Wir können andere nur lieben, wenn wir uns selbst lieben. Liebe beginnt mit der Akzeptanz seiner selbst. Wir müssen in uns den Punkt finden, wo wir uns selbst voll akzeptieren als die, die wir sind: unsere Fähigkeiten, unsere Hautfarbe, unsere Kultur, unser Alter. Mit diesem Punkt beginnt unsere Handlungskraft; mit diesem Punkt beginnt die Macht der Gewaltfreiheit.“
Ich bin sehr glücklich, dass wir diesen gewaltfreien, visionären Geist Palästinas kennengelernt haben und bin gespannt auf die vielen Kooperationsmöglichkeiten, die sich aus dieser Freundschaft noch entwickeln werden.

Im Flüchtlingslager Aida-Camp

In Bethlehem finden wir Herberge im Flüchtlingslager „Aida-Camp“, das wir auf unserer ersten Israelreise 2002 kenngelernt haben. Zusammen mit Rabbi Jeremy Milgrom besuchten wir damals diesen Ort zur Jahreswende und hörten die Geschichte der hier lebenden Flüchtlinge das erste Mal. Selbst Kinder wurden hier von den Besatzungssoldaten angeschossen, angeblich weil sie Steine geworfen hatten. Ein junger Mann namens Mohammed, mit dem wir damals zusammen den Jahreswechsel feierten, erzählte uns von seinem Traum, hier im Flüchtlingslager einen Ort für Kinder und Jugendliche zu gestalten.
„Ich will nicht mit ansehen müssen, wie unsere Kinder und Jugendlichen die Freude und die Neugierde am Leben verlieren und das Lachen verlernen. Ich will Kinder lachen sehen,“ sagte er damals zu uns.
Es ist beeindruckend, wie sehr sich die Dinge hier in den letzten Jahren weiterentwickelt haben. All die Räume, von denen der junge Mohamed damals nur träumte, existieren jetzt in der Realität. Man spürt das große Engagement der Flüchtlingsgemeinschaft. Anfangs existierte hier ein Zeltlager, später Hütten und enge Gassen, wo Menschen, die seit Generationen Vertriebene sind, zusammen auf engstem Raum leben. Das Zentrum, aus eigener Kraft aufgebaut, ist ein lebendiges Beispiel von der Tatsache, dass man auch im Gefängnis seine lebendigen Freiheiten schaffen kann. In allen neu gestalteten Räumen atmen Geist, lebendige Suche und ein bewusster Versuch, aus dem Krieg und dem Leiden auszutreten. Es gibt eine kleine Bibliothek, einen Raum für das Internet und ein kleines Museum, das die Geschichte ihrer Ahnen aufzeigt. Direkt neben dem Flüchtlingslager erhebt sich die acht Meter hohe Mauer und erinnert täglich an seine Besatzer. Hier laufen Soldaten regelmäßig ihre Wachgänge, die meisten von ihnen selbst noch fast Kinder, angetrieben und erzogen dazu, den Krieg zu erlernen mit all seinen Tarnmanövern und Raffinessen. Erschütternd mitanzusehen, dass es auf beiden Seiten fast noch Kinder sind, auf deren Kosten das Drama des globalen Krieges ausgespielt wird.
Oh Mutter des lebendigen Lebens, sieh mit an, durch meine Augen: Was hat man ihnen angetan!
Nicht zu richten bin ich gekommen, aber um zu sehen und zu erkennen, um deine Tränen zu weinen und aus ihnen neue Kraft zu schöpfen für das absolute Nein zu diesem System und seinen Strukturen.

Keine Kinder mehr sollen auf den Schlachtfeldern ihr Leben lassen, egal, von welcher Partei oder Religion oder Weltanschauung sie kommen. Der Schrei nach mehr Gerechtigkeit, der Schrei nach Leben ist umfassender und mächtiger. Für den Sieg des Lebens über den Tod ringe ich um GRACE.