Wir sitzen vor den Trümmern. Irgendwann sitzt jeder von uns vor den Trümmern. Vor den Trümmern seiner Träume, vor den Trümmern seiner Liebe, vor den Trümmern seiner Familie,
vor den Trümmern seiner Existenz, vor den Trümmern der Erde. Irgendwo ist immer Krieg, auf der Erde und in uns selbst. Es hat ja keinen Sinn mehr, sich darüber hinwegzuschummeln, weil es einem zufällig gerade besser geht. Der nächste Absturz kommt bestimmt, das gilt für unsere menschlichen Beziehungen ebenso wie für unsere gesellschaftlichen Systeme. Bleiben wir doch gleich vor den Trümmern sitzen, ehe wir zu schnell und zu unbedacht wieder aufstehen. Ein Denkmal des Nachdenkens vor den ewigen Trümmern der von uns gebauten Welt. Irgendetwas muss da doch immer falsch gelaufen sein! Irgendein systematischer Fehler muss in unseren Bemühungen und Unternehmungen sitzen, dass es immer wieder diesen katastrophalen Ausgang nimmt. Wir können und wollen an keine alte Heilsbotschaft mehr glauben, denn
 die liegen auch alle in Trümmern. Wir können auch nicht einfach aufstehen und etwas Neues anfangen, denn wir wittern schon denselben Verlauf. Wir können aber auch nicht ewig hier sitzen bleiben.

Hat unsere Spezies einen Dachschaden? Einen echten Gehirnfehler, wie Arthur Koestler gemeint hat? Ist die Evolution irreversibel in eine falsche Richtung gelaufen? Besiegelt sich jetzt für den Menschen dasselbe Schicksal wie einst für die Saurier: kollektiver Untergang wegen mangelnder Übereinstimmung (= Kompatibilität) mit den Daseinsbedingungen der Biosphäre? Ist es schließlich nicht doch eine grandiose Erleichterung, wenn wir endlich und ein für allemal das anerkennen, was Ulrich Horstmann in seiner großartigen Satire über „Das Untier“ gesagt hat: dass der anthropofugale Mensch nicht ruhen und nicht rasten wird, bis er sein Ziel erreicht hat: die endgültige Vernichtung von sich und Seinesgleichen, die endgültige Erlöschung jeder Erinnerung an unsere Spezies, die endgültige Befreiung der blanken Erde vom Unrat des Organischen? Es ist nicht ohne Reiz, so zu denken, etwas Neues und Freies zieht fast wie eine neue Kraft in unsere Zellen und lässt sie tiefer aufatmen als jede neue Heilsverkündung. Aber auch diese Vision des Untergangs hält der Realität nicht stand. Jedenfalls nicht bei Menschen, die sich noch oder wieder im Zustand der Freude befinden, nicht bei Liebenden und nicht gegenüber dem überwältigenden Charme kleiner Kinder. Wer liebt, kann den Untergang nicht wollen. Und weil er ihn nicht will, kann er auch nicht an ihn glauben! So subjektiv bedingt sind also die Wahrheiten, an die wir glauben oder nicht glauben? Ja, so subjektiv sind sie! Denn die Welt besitzt keine Objektivität außerhalb von uns; die Welt ist voller Subjektivität, und es hängt einzig und allein von uns, von unserer Liebe, unserem Glauben, unserem Denken und unserem Willen ab, ob sie zugrunde geht oder nicht.

Es gibt neben der objektiven Realität die subjektive: die Realität des Denkens, des Fühlens,
des Wünschens, des Betens und vor allem: die Realität des Herzens. Sie ist vielleicht die tiefste und größte und machtvollste unter ihnen. Was ergreift und berührt uns so tief, wenn wir einem einjährigen Kind begegnen, das uns mit großem Eifer und vielen unverständlichen Worten etwas Wichtiges erzählt? Was erfüllt uns so spontan mit Liebe und Herzenskraft? Oder wenn wir sehen, wie es mit ungeheurer Wachheit und großen Augen in die Welt schaut und an ihr teilnimmt? Ist
 es nicht eine Verwandtschaft zwischen ihm und uns; eine Daseinsweise, die wir kennen, über alle Maßen lieben und – verloren haben? Stellen wir uns einmal vor, das Leben und die Entwicklung aller Menschen könnte in dieser Richtung weitergehen: was wäre das für eine schöne, andere, größere und wirklichere Welt; was würde da für eine ganz andere Art von Erwachsenen entstehen! Oder gehen wir weiter im Geist und denken an die heimlichen Träume in und nach der Pubertät, an die Bedeutung von Blütendüften, Abendstimmungen, Heimatzeichen. Was hat uns da so ahnungsvoll gestimmt? War es nicht wie die Vorankündigung und die unausgesprochene Vision eines kommenden Lebens, das sehr anders aussah als das real eingetretene? Mignons Sehnsuchtslied und Werthers Leiden – ist es nicht der Traum einer Welt, die unter den Strukturen und Gegebenheiten der sogenannten Realität nicht entstehen konnte? Muss das alles so bleiben? Haben die verborgenen Visionen von Liebe, sexueller Erfüllung und menschlicher Heimat weniger potientielle Verwirklichungskraft als die derzeitigen Gesetze von Profit, Karriere und Macht?

Es gibt im Herzensbereich eine unendliche und unendlich unerfüllte Vision des Lebens, die wir nicht länger unseren romantischen Gefühlen überlassen dürfen, wenn wir sie verstehen und verwirklichen wollen. Die Herzkraft muss sich mit der Denkkraft verbinden, damit etwas entstehen kann, was Hand und Fuß hat und nicht von vornherein wieder an einem wesentlichen Teil unserer menschlichen Gesamtrealität vorbeirennt. Aber das Denken soll das Herz nicht mehr verdrängen, es soll ihm dienen und ihm helfen, voll ins Dasein zu kommen. Erkennende Liebe und denkendes Herz sind die Kräfte einer Zukunft der Liebe und der Kinder. Die anstehende Revolution ist auch die endgültige Beendigung des ewigen Krieges, welchen die Menschheit gegen ihre eigenen Liebeskräfte geführt hat. Sie hat ihn zum Teil nicht einmal absichtlich geführt, sondern einfach deshalb, weil für die Entwicklung der Herzkraft kein kompatibles Denken und keine geeignete soziale Organisation entwickelt werden konnte. So erheben wir uns von unseren Trümmern mit der gewissesten Erkenntnis und der klaren Absicht, Systeme zu errichten, in denen sich die Herzkräfte und die Denkkräfte entwickeln und miteinander verbinden können.

Der Mensch hat alle diese Trümmer verursacht. Der Mensch ist die Wurzel der Geschichte und die Quelle des Problems. Er ist deshalb auch die Quelle seiner Erkenntnis und seiner Lösung.