Ich habe dich gesehen in dem Dokumentarfilm „The Cave – eine Klinik im Untergrund“ von Feras Fayyad. Ich danke diesem Mann dafür, dass er dich für mich sichtbar gemacht hat. Ich danke ihm dafür, dass er mich durch seinen Film ein Stück weit aus meinem Film befreit hat, aus dem Film eines friedlichen Lebens in Europa. Eines angeblichen Friedens, denn Frieden ist unteilbar. Entweder gibt es überall Frieden, oder es gibt ihn nirgends.

Feras Fayyads Dokumentarfilm hat mich wachgerüttelt. Wieder einmal war ich untergegangen und abgelenkt vom Wahnsinn einer Normalität, die ich mit Millionen Menschen teile, in der du aber nicht vorkommst, nicht vorkommen darfst. Ohne zu merken, driften wir ab ins seichte Geplätscher des Lebens, verstricken uns in sinnlosen Diskussionen. Wir verlieren dich aus den Augen. Das ist dem Betriebssystem unserer Gesellschaft immanent. Aus diesem Theater der Ablenkung müssen wir uns befreien.

Jetzt aber sehe ich dich auf einem Bett sitzen. Es steht in einem der Räume in einem weit verzweigten Tunnel, den sie notdürftig in ein Krankenhaus verwandelt haben. Dein Arm ist verletzt. Es sieht aus, als hätten sie ihn mit einem Fetzen Stoff verbunden. Sie haben kaum noch Verbandsmaterial, Schmerzmittel und andere Medikamente. Doch die Ärzte müssen weiter operieren. Sie tun, was sie können, um den Verwundeten zu helfen, ihnen ein Überleben zu ermöglichen. Überleben. Was das wohl heißt?

Ob deine Familie den Einschlag der Bomben überlebt hat? Hinter dir, im gleichen Bett, liegen noch andere verwundete Kinder. Sie sind vor Erschöpfung eingeschlafen. Vor Hunger, denn es gibt kaum noch etwas zu essen. Die Hilfslieferungen kommen nicht mehr durch. Ost-Ghouta erlebt die schlimmste Belagerung in der modernen Geschichte. Ein Kriegsverbrechen. Aber für die Abendnachrichten in Europa ist es kaum einen Bericht wert. Fünf Jahre lang dauert die Belagerung schon an. Sie wollen damit die Rebellen zermürben, die sich angeblich in eurem Gebiet aufgehalten haben. Sie wollen sie zum Aufgeben zwingen. Rebellen und Regierungen. Terroristen und Militärs. Böse und Gute und Gute und Böse. Öl und Wasser. Einheimische und internationale Interessen. Weiß noch jemand, worum es eigentlich geht?

Du weißt von diesen Dingen nichts. Du kennst keine Vögel, die zwitschernd den Tag begrüssen. Du kennst nur Drohnen und Bomben, die vom Himmel fallen. Du weißt nichts von einer Welt außerhalb deiner belagerten Stadt, nichts von Wiesen und Wäldern, vom Meer und frischem Wind. Du hast in deinem Leben keinen Tag erlebt, an dem nicht Krieg war. Du kennst nur Häuser und Straßen, die in Schutt und Asche liegen. Deine Welt ist aus Hunger und Angst gemacht.

Jetzt sitzt du auf einem Bett im unterirdischen Krankenhaus. Der Lärm der Kampfjets und das Einschlagen der Bomben ist bis hier unten zu hören. Dein Gesicht ist leer. Du nimmst nicht einmal mehr Notiz von der Kamera, die dich gerade aufnimmt.

Dein Anblick treibt mir endlich die erlösenden Tränen in die Augen.

Wenn die, die da Bomben abwerfen, dich einmal so sehen könnten, wie ich dich jetzt sehe… Oder die, die sie bauen oder erfinden oder die in einem fernen Land mit ihrer Unterschrift ihr Einverständnis gaben für die Destabilisierung deiner Region, wenn all die dich einmal so sehen könnten, wie ich dich jetzt sehe… könnte es dann noch Krieg geben? Oder wenn auch alle anderen, die nicht direkt beteiligt sind am Krieg, dich so sehen könnten… Wir leben in einer Gesellschaft, die am Krieg verdient. Wir wissen das, wir könnten das wissen. Wir müssen nur riskieren, einen Blick hinter die glitzernde Fassade unserer Wohlstandsgesellschaft zu werfen, in unser eigenes Leben, dann sehen wir, worauf der Reichtum und die Sicherheit in unserem Teil der Welt beruhen. Die wir verteidigen gegen den Ansturm von Flüchtlingen, die aus den Gebieten kommen, in denen du noch lebst. Aber unser Alltag ist so aufgebaut, dass wir nicht hinschauen. Wir haben eigene Sorgen.

Die Medien schreiben: Ost-Ghouta ist die Hölle auf Erden.

Ich sehe dich durch den Schleier meiner Tränen. Du bist vielleicht fünf Jahre alt. Du sitzt aufrecht und regungslos in diesem kleinen kahlen Raum im Tunnel unter Ost-Ghouta, einem Gebiet in der Nähe von Damaskus. Es war einmal eine fruchtbare Oase.

Ich sehe dein leeres Gesicht. Es hat keinen Ausdruck mehr. Weder Schrecken, noch Empörung, noch Erwartung. Es ist leer. Wohin schaust du, Kind? Wo ist deine Seele geblieben? Hast du Glück gehabt, weil deine Verletzung am Arm nicht so schlimm ist? Wie schlimm ist die Wunde in deiner Seele?

Irgendwann wird jemand kommen, um eilig deinen Verband zu wechseln, eine Krankenschwester, die dich für einen Moment in ihre Arme nimmt, dir einige freundliche Worte sagt, bevor sie zum nächsten Patienten weiterziehen muss.

Dreißig Jahre alt ist die Ärztin, die dieses Notkrankenhaus unter der Erde leitet. Ihr Team ist viel zu klein, um sich um all die Verletzten zu kümmern. Täglich kommen mehr Menschen hinzu. Der Platz reicht kaum noch, um sie alle aufzunehmen. Sie nähen Wunden zu, waschen Blut ab. Sie haben kaum noch Anästhetika. Stattdessen operieren sie bei klassischer Musik vom Smartphone. Der Chirurg macht eine Pause, raucht eine Zigarette. Erschöpft, müde, am Ende seiner Kraft. Aber er wird weitermachen. Ich erinnere mich an Bilder aus Gaza. 2014. Sie warfen auch hier Bomben auf ein Gebiet, das abgeriegelt ist. Die Menschen können nicht fliehen. Ich erinnere mich an ein Photo von jungen, starken Männern. Es sind freiwillige Hilfskräfte. Sie sind auf dem Flur eines Krankenhauses im Sitzen eingeschlafen. Stunde um Stunde hatten sie Verletzte aus den Trümmern der Häuser geborgen, Kinder und alte Menschen hierher getragen, mitgeholfen, sie zu versorgen.

Gaza. Syrien…. das Schmuggelgeschäft mit Migranten, das von libyschen Milizen betrieben und von der EU unterstützt wird … und mehr. “Für das sehende Auge gibt es vielleicht nur eine einzige Grenze: die Grenze des Entsetzens”, hat Dieter Duhm geschrieben. Das alles geschieht auf unserem Planeten, täglich, jetzt in diesem Moment, in unserem gemeinsamen Haus.

Menschheit! Warum lässt du das zu?

Ein Kind ist ein Kind. Ein syrisches Kind ist nicht anders als ein europäisches Kind oder ein palästinensisches Kind. Die Trennung in Nationen haben wir doch zum Leben hinzu erfunden. Ein Mensch ist ein Mensch. Es gibt keine Unterschiede. Wissen die, die Bomben abwerfen, wissen wir, die das geschehen lassen, was es heißt, Mensch zu sein? Was es für eine Mutter heißt, ein Kind auszutragen? Es monatelang in ihrem Leib heranwachsen zu lassen? Wissen wir etwas von den geheimnisvollen Prozeduren und Bauplänen, die in Millionen Jahren Evolution entwickelt wurden, damit menschliches Leben entstehen kann? Damit sich aus einer befruchteten Eizelle ein Mensch heranbildet mit Organen, Blutgefäßen, mit winzigen Händen, Fingernägeln, Muskeln, einem mutigen Herzen und einer Seele, die voller Vertrauen ist? Wissen sie, was es für eine Frau heißt, ein Kind zu gebären? Ein Kind großzuziehen? In den Schlaf zu singen? Ihm von einer besseren Zukunft zu erzählen?

Krieg ist die Zerstörung des Lebens. Ob in der Ukraine oder in Gaza, im Kongo, in Guatemala oder wo auch immer in der Welt. Krieg ist die Folge verschlossener Herzen. Es gibt nichts Gottgewolltes an einem Krieg. Kriege sind menschengewollt und können von Menschen auch wieder abgeschafft werden. Wenn all die, die an den Kriegen direkt beteiligt sind und all die, die ihn zulassen, wenn all die dich so sehen könnten, wie ich dich jetzt sehe… dann wäre der Krieg weltweit beendet. Aber zwischen dir und ihnen, zwischen dir und uns ist diese undurchdringliche Wand. Wir können dich nicht sehen, weil auch in uns eine alte Wunde ist, ein nicht verheilter Schmerz aus lang vergangenen Zeiten. Wir wollen uns vor einer Wiederkehr dieses Schmerzes schützen und geben ihn gerade dadurch weiter an andere. Wir bewegen uns in einem Kreislauf von Opfer und Täter, Generation für Generation. Vor diesem Schmerz wollen wir davonlaufen, immer schneller, immer beschäftigter. Nur selten haben wir das Glück, zur Ruhe zu kommen und den Riegel vor unserem Herzen wegziehen zu können. Dann endlich können die Tränen kommen, die wir nicht unseretwegen weinen, sondern deinetwegen.

Dein Anblick festigt meinen Entschluss, meinen Schwur, meinen unbedingten Willen zusammen mit anderen den „Plan“ umzusetzen, herauszufinden, wie wir den globalen Schmerz heilen können. Das bin ich dir schuldig. Das ist mein Versprechen an dich und an all die Kinder, denen es so geht wie dir. Angst und Gewalt müssen für immer von diesem Planeten verschwinden. Sie können für immer verschwinden. Dafür wurde der Plan entwickelt. Wir Menschen habe heute eine große Möglichkeit. Wir müssen se nutzen. Ich rufe alle auf, alle, die Kriege in Zukunft unmöglich machen wollen: Helft mit, den Plan umzusetzen. Wir können den Kreislauf unterbrechen. Frieden muss und kann in nicht allzu ferner Zukunft siegen über Krieg, Lüge und Hass.

In deinem Namen, Kind von Ost-Ghouta.

 

Der Film: The Cave
Photo: Tamera Arts